TU Dresden a3bau
Der Erweiterungsbau wurde mit Fotobeton gestaltet. Die Fassadenplatten mit Carbon bewehrt

Modernste Baustoffe und Denkmalschutz

Fr, 09.08.2019

Der Erweiterungsneubau und die Modernisierung des Barkhausenbaus der TU Dresden war sowohl eine spannende als auch sehr verantwortungsvolle Aufgabe für das Team der SHP Architekten GmbH aus Dresden.

Hier an dem verschachtelten, unter Denkmalschutz stehenden und stets gewachsenen Gebäudekomplex aus den 50iger Jahren kam alles zusammen, was man auf einer Baustelle vorfinden kann, wie zum Beispiel die eleganten Treppenhäuser und aufzufrischenden, langgestreckten Bestandsfassaden, die ihren originalen Charakter wiedergeben sollen.

Ihren Charme und ihre Ausstrahlung der 50iger und 60iger Jahre spürt man so, als wäre die Zeit stehengeblieben. Unauffällig gelang die Integration eines neuen Südflügels nach vorangegangenem Teilabbruch und eine Aufstockung um dann zwei Etagen. Die dabei eingesetzten neuen Laibungseinfassungen, Blenden, Terrassenplatten am Verbindungsbau zum Hörsaal sowie Attikaelemente aus anthrazitfarbenen Glasfaserbeton fügen sich farblich und von der Formensprache harmonisch in das Gesamtensemble ein.

Das vierflügelige Karree bringt Licht in die Arbeitsräume und rahmt einen parkähnlichen begrünten Innenhof ein. Detailgetreu wurden hier unter anderem Sockelelemente ersetzt und Fassaden aufgefrischt. Der Blickfang ist aber das neu errichtete Laborgebäude für Nano-Analytik, des Center for Advancing Electronics Dresden (CfAED). Im Inneren lassen Forscher unter modernsten Elektronenmikroskopen kleine Dinge einzigartig groß werden. Da ein bedingt fensterloses Funktionsgebäude eigentlich unspektakulär daherkommt, haben die Architekten einen ganz besonderen Fassadenentwurf verteidigt. Die circa 200 Quadratmeter große

Hauptansicht mit einer Fotobetonfassade aufgewertet

Gesteigert wird das Ganze noch einmal, indem sie kleine Blumen riesengroß auf die gesamte Fassade projizieren. Somit spiegelt die Fassade auch sinnbildlich das wider, was im Inneren des Forschungsgebäudes technisch praktiziert wird. Die gesamte Außenhülle ist als hinterlüftete Vorhangfassade (VHF) konzipiert, wobei die äußere Wetterschutzschale aus 30 Millimeter dünnen Carbonbeton sowie fassadenweise auch aus Glasfaserbeton besteht – hergestellt von der Hentschke Bau GmbH in Bautzen. Auf 45 Carbonbetonplatten mit bis zu 3,30 x 1,65 Metern verteilt sich übergreifend ein zartes Blütenmuster – ein insgesamt über 200 Quadratmeter großes Kunstwerk auf nur 30 Millimetern Beton. Durch die Bewehrung solidian GRID Q95/95-CCE-38 konnten bei dieser Fassadeseite die Stärke der Platten sowie die Fugen reduziert werden. Die anderen Fassadenseiten bestehen aus Glasfaserbeton mit schalungsglatter Oberfläche im homogen betongrauen Grundton der Hauptfassade. Noch nicht so oft zu sehen und deshalb noch etwas sehr Besonderes bieten sich mit Fotobeton hervorragende Gestaltungsmöglichkeiten. Vom Prinzip funktionieren diese wie beim Waschbeton. Das Wunschmotiv wird über eine Software in ein Punktraster umgewandelt, dieses wird auf ein Trägermaterial (Papier oder Folie) in Form eines Verzögerers gedruckt. An den somit definierten Punkten wird die äußerste Betonschicht nicht fest, später abgewaschen ergibt sich so in Summe das gewünschte Bild über die freigelegten, dunkleren Zuschlagsstoffe. Klingt einfach, erfordert aber fachlich tiefes Wissen und Können im Umgang mit Beton. Der bei Glasfaserbeton sonst übliche Einsatz von alkaliresistenten Glasfaserkurzfasern funktioniert bei Fotobeton nicht. Die Fasern würden an den freigelegten Motivpunkten störend sichtbar. Im Projekt wurde die Bewehrung durch ein textiles Carbongelege realisiert.

Dafür holte sich die Hentschke Bau GmbH eigens einen Spezialisten ins Boot und arbeitete wie auch schon bei anderen Produkten und Projekten mit solidian zusammen. Die genaue Positionierung des GRIDs ist notwendig und wird durch die guten Eigenschaften des Produktes sowie dazu passender Abstandhalter möglich. Die solidian Spacer (Abstandshalter) sind zur exakten Einhaltung der Betondeckung in unterschiedlichen Längenvarianten erhältlich. Optisch störende Abzeichnungen auf der Sichtbetonoberläche werden durch Ihren Einsatz vermieden.

Im Ergebnis dieser guten Zusammenarbeit mit solidian entstand für die Hentschke Bau GmbH die erste über eine ZiE (Zustimmung im Einzelfall) zugelassene Carbonbetonfassade – ein Baustoff der Zukunft, welcher zahlreiche Vorteile bietet. Die Carbonbewehrung korrodiert nicht, weshalb die Betonüberdeckung wesentlich dünner ausfallen kann als beispielsweise bei herkömmlicher Stahlbewehrung. Zusammen mit den bis zu sechsmal höheren Festigkeiten im Vergleich zum Bewehrungsstahl bietet dieser innovative Baustoff neue Gestaltungsmöglichkeiten bei der Planung von filigranen Elementen. Durch die großzügig gestalteten Fassadenplatten konnte die Anzahl der Fugen reduziert und das Blumenmotiv noch besser in den Vordergrund gerückt werden. Bei dieser Fassade spielte das geringe Eigengewicht der Bewehrung eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Bei vergleichbarer Tragfähigkeit bringt die Bewehrung nur ein Zehntel an Gewicht auf die Waage und bietet dem Verarbeiter ein Vereinfachtes Handling. Dabei können nicht nur Ressourcen wie Hebezeuge oder Kranfahrzeuge, sondern auch Transportkosten erheblich reduziert werden.

Am Laborgebäude rundet ein begrüntes Dach die Gesamtästhetik gelungen ab und schlägt eine Brücke zur parkähnlichen Innenhofgestaltung. Die gelungenen Arbeiten am Barkhausenbau zeigen beispielhaft die machbare Symbiose von Tradition, Denkmalschutz und zeitgemäßem Bauen unter Einsatz modernster Baustoffe.

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