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Das waren die Österreichischen Bautage 2021

Mitte November ging der Fachkongress „Bauen wir die Zukunft – Österreichische Bautage“ über die Bühne. In die Congress Location Loipersdorf waren trotz coronabedingter Umstände rund 150 Teilnehmer gekommen, um sich über die für die Bau- und Immobilienbranche so wichtigen Themen Innovation, Digitalisierung, Lean Construction, Zukunft der Gebäude, Faire Verträge und den Green Deal zu informieren und in Wohlfühlatmosphäre abends beim Networking auszutauschen. (alle Fotos: jollyschwarzphotography)

Warum sind digitale Investitionen so wichtig? Diese Frage stellte Nicole Prieller, Partnerin bei PwC Österreich, zu Beginn Ihrer Eröffnungs-Keynote, in der sie mit Digitalen Use-Cases aus der Bauwirtschaft präsentierte. Die Antwort ist einfach: Die Kunden wollen das. Kunden wollen alles aus einer Hand – Stichwort One-Stop-Shop. Und sie suchen dafür Partner, die sich mit zukunftsorientierten Themen beschäftigen: Bauroboter, modulare Konstruktionen, Exoskelette, 3D-Druck, Drohnen und anderes mehr. Globale Bau-Tech-Startups haben 202 fast 1,4 Milliarden Euro eingesammelt. Hier liegt die Zukunft, mit der sich die Bauwirtschaft beschäftigen sollte. Für Transformation und Digitalisierung braucht es ein Change Management mit den richtigen Werkzeugen und dem richtigen Mindset. Dafür bedarf es eine unterstützende Führung, die im Unternehmen Change Management im Unternehmen implementiert und ein starkes Team, das bereit ist, diesen Weg zu gehen.

Nicole Prieller

Oft geht es um das richtige Mindset, neues im Unternehmen ausprobieren zu können (Nicole Prieller, PwC Österreich)

Damit gab Prieller thematisch das Stichwort für den nächsten Speaker: Markus Raunig, CEO von Austrian Startups, zeigte in seiner Keynote „Innovation aus Sicht von Startups“ den Aufholbedarf Österreichs in Sachen Entrepreneurship auf. „Wenn wir wollen, dass unsere Wirtschaft wettbewerbsfähig bleibt, dann müssen wir mehr neue Unternehmen gründen.“ Ein Startup ist auch seiner Sicht keine Unternehmensform, sondern ein Zustand, Startups seien auf der Suche nach dem geeigneten Geschäftsmodell. Weltweit scheitern 60 Prozent dabei, 30 Prozent überleben, aber 10 Prozent erobern die Welt.

Markus Raunig

Viele Startups scheitern am Durchhaltevermögen, um aus dem Dark swamp of despair wieder herauszukommen (Markus Raunig, CEO Austrian Startups)

Innovation aus Sicht eines etablierten Bauunternehmens präsentierte Markus Handler, CEO der Handler Gruppe. Er sei derzeit beunruhigt, grantig und zornig, begann er seinen emotionalen Appell, endlich zu ändern, dass Österreichs Bauwirtschaft vor allem von Verschwendung und wenig von Nachhaltigkeit geprägt sei. Digitalisierung sei ein unumgängliches Werkzeug, um beides in die richtige Richtung zu lenken, so Handler.

Markus Handler

Die kulturelle Veränderung, die derzeit stattfindet, braucht es auch in der Baubranche (Markus Handler, CEO Handler Gruppe)

Warum so wenig in Sachen Digitalisierung in der Branche weitergehe, liege auch daran, dass es zu viele Instanzen gäbe, die sich nicht absprechen oder etwas ablehnen, nur weil es ein anderer vorher macht, brachte Rudolf Kolbe, Präsident der Bundeskammer der ZiviltechnikerInnen in der anschließenden Podiumsdiskussion ein. Als Gegenbeispiel nannte er das gut funktionierende digitale Urkundenarchiv der ZT, wo die Kompetenz beim Bund und nicht bei neun Landesstellen lag. Einig war man sich in der Runde, dass es viel mehr Austausch in der Bau- und Planungsbranche brauche, um die veraltete Kultur aufzubrechen. Angeregt wurde auch, Modellregionen in Österreich zu schaffen, wo man die eine oder andere unkonventionelle Idee ausprobieren könnte.

Rudolf Kolbe

Zu viele Instanzen, die sich nicht absprechen, bremsen Innovation aus (Rudolf Kolbe, Präsident der Bundeskammer der ZiviltechnikerInnen)

Diskussionsrunde am Podium
Innovation auf Schiene bringen: Diskussionsrunde mit Moderator Andreas Hladky, Rudolf Kolbe, Markus Handler, Nicole Prieller und Markus Raunig (v.li.)

Nach einer Networking-Pause präsentierten sich drei junge Unternehmen dem Publikum. Gründer Richard Göldner stellte die Bausoftware Cathago vor, die Baustelle, Einkaufsabteilung und Lieferanten in einer gemeinsamen Softwarelösung vernetzt – für einen effizienten und fehlerfreien Bestellprozess. Katja Schönweiler präsentierte die Baumaschinen-Mietplattform Digando, die eine Maschinen-Miete in vier Klicks und Transparenz über alle Mietvorgänge verspricht. Josef Nowak setzt mit GreenCon auf Bauplatten, die aus Papier- und PP-Abfällen hergestellt werden und somit eine globale Recycling-Lösung darstellen. Kreislaufwirtschaft in einer sinnvollen Form.

Richard Göldner
Richard Göldner, Gründer und CEO Cathago
Katja Schönweiler
Katja Schönweiler, Marketing Managerin Digando
Joe Nowak
Josef Nowak, Business Development Partner CEE GreenCon

Seine Erfahrungen auf dem Weg vom Startup zum Marktführer gab Domagoj Dolinsek, Gründer und CEO von PlanRadar preis. Den Beginn nahm seine Idee, weil die Erfassung und Protokollierung von Baumängel mühsam war. Mittlerweile kann die webbasierte Lösung erfassen, dokumentieren, kommunizieren und nachverfolgen und in die bestehenden IT-Landschaften integriert werden. Sein Tipp: Von B2C-Vorreitern lernen und auf B2B anwenden.

Domagoj Dolinsek

Altes loslassen und mutig sein gehört bei Startups dazu (Domagoj Dolinsek, Gründer und CEO PlanRadar)

Awi Lifshitz, CEO Corporate Innovation Hub weXelerate, präsentierte in seiner Keynote die geheime Rezeptur, wenn etablierte Unternehmen mit Startups zusammenarbeiten wollen: Manage expectations – 68 % scheitern daran! Kollaboration zwischen Startups und etablierten Unternehmen folgen anderen Gesetzen und Abläufen! Beschäftige die richtigen Leute damit! Nütze Erfahrungen für die eigene Organisation! Weniger ist oft mehr!

Awi Lifshitz

Etablierte Unternehmen sollten sich zu Beginn die Frage stellen, wie risikobereit sie sind (Awi Lifshitz, CEO weXelerate)

Im letzten Fachvortrag des ersten Kongresstages berichtete Nils Krönert, Innovation Manager Hilti Group über das Vorantreiben von Innovation im Hilti-Konzern: Sechs Prozent des Umsatzes gehen in Forschung und Entwicklung, Hilti verfolgt eine globale Digitalisierungsstrategie. Man sei zwar nicht das Facebook der Bohrmaschinen, aber man überdenke intern immer alle Prozesse, denn die Innovationszyklen werden immer kürzer.

Nils Krönert

Ein Corporate kann nur bestehen, wenn es sich langfristig wandelt (Nils Krönert, Innovation Manager Hilti Group)

In der aufrüttelnden Abschluss-Keynote ging Top-Speaker Markus Gull auf die aktuelle Orientierungskrise ein und meinte schmunzelnd, dass Österreich oft als Testmarkt genommen werde, weil nirgends wo sonst die Beharrungskräfte so stark seien wie hier. Die alte Story von „Gut gegen böse – und wir sind die guten“ habe ausgedient. Unsere Zivilisation wurde zu einer „Zuvielisation“, in der Orientierung die neue Mangelware geworden sei.

TAG 2: Themen Digitalisierung / Lean Construction / Gebäude der Zukunft / Faire Verträge

Der Vormittag des 2. Kongresstages stand im Zeichen der Digitalisierung. Den Anfang machten zwei Keynotes, die in ihren Aussagen unterschiedlicher nicht sein könnten. Daran schloss sich eine prominent besetzte Podiumsdiskussion, unter anderem mit Habau-Chef Hubert Wetschnig, Porr-COO Jürgen Raschendorfer und Magenta-Vice President Ewald Kiss.

Diskussionsrunde am Podium

Wer bis zum Beginn des 2. Kongresstages noch nicht ganz wach war – die letzten verließen die Hotelbar gegen 4:00 Uhr früh - war spätestens mit dem Auftritt von Investmentpunk und -banker Gerald Hörhan putzmunter. Er erklärte „die digitale Welt in 7 Geschichten“. Geschichten, die von Menschen handeln, die zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort waren, die richtige Idee hatten oder einfach nur den richtigen Riecher, die aber auch die sozialen Medien für sich zu nutzen wissen. Auch er selbst komme zu rund 80 Prozent seiner Immobiliendeals über Social Media-Kanäle. Letal sei für viele Unternehmer in diesem Zusammenhang aber, nicht um die Bedeutung des geistigen Eigentums und der Nutzungsrechte zu wissen. Bewusst sein müssen sich Immobilienunternehmer auch, dass im Finanzgeschäft, das mit der Digitalisierungswelle von den USA auf Europa überschwappe, völlig andere Spielregeln herrschten, die von Algorithmen und beinharten Ergebniserwartungen geprägt seien. Hörhan wies in seiner Keynote auch auf das Personalproblem hin – den in keiner anderen Branche sei Angebot und Nachfrage nach Leuten die es können, so weit auseinander wie im Bereich der Digitalisierung. Leute, die Data Science können, Online-Marketing beherrschen etc. sind heiß begehrt. Wer den Online-Verkauf beherrscht, beherrscht in Zukunft den Markt – vor allem wenn der Kauf in ein paar Klicks erledigt ist. Dafür bediente er ein drastisches Bild: „Wenn ein Idiot mit fünf Jägermeister noch immer die Online-Plattform bedienen kann, dann wird man damit sehr viel Geld verdienen – ansonsten zurück zum Start.“

Gerald Hörhan

In der digitalen Welt lautet die Grundregel The winner takes it all (Gerald Hörhan, Investmentpunk und -banker)

Ein Kontrastprogramm bot Lucas Nummer, Gründer und CEO von „Grundriss in Lebensgröße“. Sein Unternehmen mietet Lagerhallen an, um zukünftigen Eigenheimbesitzern ihre Immobilie analog in Lebensgröße nachzustellen, um Planungsfehler zu vermeiden. Auch wenn die eigenen Firmenstrukturen natürlich digitalisiert seien, so heißt Digitalisierung nicht immer ein Fortschritt ist, wenn es um die Vorstellungskraft zukünftiger Immobilienbesitzer gehe.

Lucas Nummer

Das Raumgefühl einer VR-Brille oder ein Blatt Papier sind nicht vergleichbar mit der Realität (Lucas Nummer, Gründer von „Grundriss in Lebensgröße“)

Für die anschließende Podiumsdiskussion „Wie schaffen wir es Digitalisierung zu managen“ unter Leitung von Andreas Hladky gesellten sich Hubert Wetschnig (CEO Habau Group), Jürgen Raschendorfer (COO Porr AG) und Ewald Kiss, Vice President für IoT, Immobilienwirtschaft und Partnernetze bei Magenta Telekom. Raschendorfer zog zu Beginn eine nüchterne Analyse in Sachen Digitalisierung: „Wenn man am Abend – vielleicht bei einer Flasche Wein – mit den Leuten aus unserem Digitalisierungs-Think-Tank zusammensitzt, müssten wir eigentlich gar nichts mehr bauen, weil alles automatisch geht. So einfach ist das aber nicht. Tatsächlich scheitern wir schon an relativ kleinen Dingen. Wir reden über die papierlose Baustelle, dass Lieferanten, Subunternehmer etc. alles digital machen. Tatsächlich ist so eine digitale Betonbestellung aber eine Goliath-Aufgabe. Es müssen alle Systeme funktionieren. Alle Baukonzerne haben aber eine Systemarchitektur, die Jahrzehnte alt ist. Wenn man was Neues entwickelt, muss man das an die eigene Systemarchitektur anpassen. Funktioniert es dann in einem Pilotprojekt, kommt für mich dann die größte Herausforderung, nämlich die Mitarbeiter zu überzeugen, dass ich damit nicht seine Zeit stehlen will, sondern Zeit schenken möchte, um sich mit sinnvollen Sachen zu beschäftigen.“

Jürgen Raschendorfer

Die größte Herausforderung ist es, die Mitarbeiter davon zu überzeugen, dass man ihnen mit digitalen Anwendungen nicht Zeit stiehlt, sondern schenken möchte (Jürgen Raschendorfer, COO Porr AG)

In der Habau Group ist Digitalisierung schon relativ früh ein Thema gewesen. Als Bauunternehmen ist man in der heutigen Zeit gefordert, seine Mitarbeiter mit all den Aufgaben nicht zu überfordern. Die Digitalisierung helfe dabei, Routineaufgaben schneller und einfacher zu erledigen, so Wetschnig: „Wir wollen durch die Digitalisierung auch eine höhere Kundenbindung und Effizienzsteigerung erreichen. Wo stehen wir da im Augenblick? Ich würde sagen, mitten drinnen. Wir beschäftigen uns natürlich mit dem Thema BIM, wobei wir hier auch auf vom Technikstand unserer Kunden und Partner abhängig sind. Großes Thema ist nach wie vor im Zusammenhang mit der Digitalisierung die Kalkulationssoftware. Hier hatten wir eine Umstellung und dieses neue Produkt in die Truppe zu bringen, ist eine große Herausforderung.

Hubert Wetschnig

Die Digitalisierung hilft dabei, Routineaufgaben schneller und einfacher zu erledigen (Hubert Wetschnig, CEO Habau Group)

Ewald Kiss beleuchtete das Thema Digitalisierung aus dem Blickwinkel des Endkunden: Die Anforderungen haben sich aufgrund von Corona und Home Office, aber auch im Businessbereich massiv verändert. Mit 5G kommt ein neues Mobilfunknetz, das derzeit zu 50 Prozent ausgebaut ist, nächstes Jahr werde man bei 80 Prozent liegen. Internet und die Connectivity in den Wohnungen sind ein ganz wichtiger Bedarf. Wir nehmen in unseren Kundengesprächen auf, dass das in ein bis zwei Jahren zu einer starken Differenzierung am Immobilienmarkt in der Wertebeständigkeit führen wird.

Ewald Kiss

Die Ausstattung mit adäquater Internet-Connectivity wird schon bald zu einer Differenzierung am Immobilienmarkt führen (Ewald Kiss, Vice President Magenta Telekom)

Lean ist mehr als „Zettel picken“

Lean ist keine Rocket Science, es geht vor allem um durchgeplante Abläufe und Kommunikation. Zu Beginn eines Projekts ruft diese vertiefte Kommunikation große Widerstände hervor. Dennoch zeigt die Erfahrung, dass lean abgewickelte Projekte effizienter laufen und sich am Ende des Tages durch Termin- und Kostentreue auszeichnen.

Lean Logistik ist einer der größten Hebel am Bau, wie Lean-Experte Wolfgang Grasl in seiner Keynote ausführt. Wird die Logistik durch Vorfertigung so schlau und den An- und Abtransport sehr detailliert geplant, werden beispielsweise Kranwartezeiten und generell Stillstandzeiten reduziert und doppeltes Handling vermieden. Die visualisierte Kommunikation bringt weniger Ärger, weniger Wartezeiten und weniger unvorhergesehene Probleme auf der Baustelle. Ob das jetzt Last Planner oder anders heißt ist egal, es geht darum, dass die ausführenden Gewerke zuerst von hinten nach vorne planen – mit Vorschauplänen und Wochenplänen, aus denen hervorgeht, welches Gewerk wann auf die Baustelle kommt und was vorfinden muss. Während der Abwicklung erfolgt zumindest wöchentlich ein Treffen, um sich darüber auszutauschen, was gut gelaufen ist und was man verbessern kann. Dabei kommen auch Probleme sehr rasch an die Oberfläche. Damit etabliert sich aber auch eine offene Fehlerkultur, wo ein anderes Gewerk bei Problemen rechtzeitig einen Plan B entwickeln kann. Auf rund 50 Prozent der Baustellen gibt es zu Beginn Widerstände gegen diese vertiefte Kommunikation. Ohne Lean Leadership geht es aber nicht, die Führungskräfte aller Ebenen, aller Gewerke müssen ihren Mitarbeitern klar machen, wofür Lean steht, wofür es gut ist und wo die Geringschätzung des Lean-Systems so groß ist, dass Zusagen nicht eingehalten werden.

Wolfgang Grasl

Nach über 20 Jahren Lean in so vielen Branchen und Ländern behaupte ich: Lean zahlt sich immer aus. (Wolfgang Grasl, GF Lean Experts)

An die Eingangsstatements über Lean Leadership schlossen sich Vorstellungen von Lean-Baustellen. James Denk, Teamleiter Baumanagement Drees & Sommer Österreich, berichtete über Lean Management bei Großbaustellen anhand eines Sanierungsprojekts, bei dem vier Teil-GUs und rund 80 Auftragnehmer beteiligt waren. Die gesamte Prozessplanung wurde mit dem LCM-Tool digitalisiert und in eine Tafelplanung übergeführt. Schwierig war bei diesem Projekt, dass Lean Management bei bereits laufender Baustelle eingesetzt wurde. Die durch Covid ausgelösten Präsenzprobleme führten dazu, dass die Tafelplanung auch ins Internet verlegt wurde. Tendenziell bewerteten jene Firmen, die größere Leistungen an der Baustelle hatten und tiefer im Bauprozess integriert waren, den Lean-Ansatz besser. Die Tools „Aktionsliste“ und „Stabilitätskriterien“ wurden als besonders wertvoll für die Abwicklung der Baustelle eingeschätzt.

James Denk

Ab einer gewissen Projektgröße ist Lean erforderlich, um ein stabiles Projekt abzuliefern (James Denk, Teamleiter Baumanagement Drees & Sommer Österreich)

Michael Schranz und Peter Schönfeldinger von Handler Bau bauten thematisch auf ihren Vorrednern auf und präsentierten ein GU-Projekt in Wien – Bauvorhaben Zentrale Wien Kanal – das aktuell übergeben wurde. Dabei wurde klassisch das Last-Planner-System eingesetzt. Dabei geht es darum, die Produktionsschritte, die Flusseffizienzen in ein Produktionssystem zu kippen und auch ein Verständnis dafür aufzubauen, dass jeder Plan, jedes Projekt, jeder Handgriff messbar ist. Wir bei Handler nennen das Produktionssystem Team.Fixe, einer Wortschöpfung aus dem wöchentlichen Jour Fixe und dem Team, das das Projekt bearbeitet. Wobei Team.Fixe wird nicht nur auf der Baustelle, sondern entlang der kompletten Wertschöpfungskette eingesetzt wird, das heißt bereits bei der Akquise, in den Planungsprozessen, aber auch in der Gewährleistungsphase. Das Ziel ist, die Zusagequote – also die Erfüllungsquote von Leistungen – stark anzuheben. Während diese bei herkömmlich abgewickelten Projekten international im Schnitt bei knapp über 50 Prozent liege, sei man beim Projekt Zentrale Wien Kanal auf 92,1 Prozent Zuverlässigkeit bei den Terminzusagen.

Michael Schranz

Wenn man das Prozessoptimieren intus hat, dann ist da eine Geisteshaltung, die man einfach lebt (Michael Schranz, Geschäftsführer Handler Bau)

Das Haus als Baustein des Energiesystems

Das Haus der Zukunft hinsichtlich architektonischem Erscheinungsbild, Energieperformance und technischer Ausstattung in Bezug auf Internet und Connectivity Stand im Mittelpunkt des Themenblocks „Smarte Gebäude – was Gebäude in Zukunft leisten können und sollen“.

Die Anforderungen an die Gebäude der Zukunft ändern sich und dennoch ist das Thema Energieperformance kein neues. Brian Cody, Universitätsprofessor an der Technischen Universität Graz und Leiter des Instituts für Gebäude und Energie beschäftigt sich schon seit langem mit der Maximierung der Energieperformance von Gebäuden und Städten, genauer gesagt mit der Beziehung zwischen der sogenannten Energieperformance, also der energiebezogenen Leistung eines Gebäudes, und seinem äußeren Erscheinungsbild. In seiner Keynote Form Follows Energy analysierte er die komplexen Zusammenhänge zwischen Architektur und Energie und legte mit handgezeichneten Diagrammen Entwurfsstrategien dar, wie sich maximale Energieeffizienz und ästhetische Qualität verbinden lassen. Gebaute Beispiele bekannter Architekten veranschaulichten die Inhalte. Cody ging auch auf Veränderungen ein, die Covid in der Gebäudeplanung bewirkt bzw. bewirken wird. Die natürliche Lüftung wird – auch in Hochhäusern – zunehmen.

Brian Cody

Die Bedeutung des Zusammenhangs zwischen der Energieperformance und dem äußeren Erscheinungsbild eines Gebäudes nimmt zu (Brian Cody, Leiter Institut für Gebäude und Energie, TU Graz)

Auf die technischen Ausstattung von Gebäuden hinsichtlich Internet und Connectivity ging Ewald Kiss, Vice President für IoT, Immobilienwirtschaft und Partnernetze ein, wobei er gleich zu Beginn betonte, dass nicht die Kabel selbst das Hindernis darstelle, sondern die Endgeräte und Router der Nutzer. Im Neubaubereich arbeite man an neuen Konzepten für Wohnbauträger, ihren Kunden eine Infrastruktur für alle Netzbetreiber bereitzustellen. Kiss präsentierte die Ergebnisse einer Umfrage, die gemeinsam mit der Bundesimmobiliengesellschaft/ARE durchgeführt wurde, wonach sich das Verhalten der Immobiliennutzer durch Corona massiv verändert hat. Um eine „ruckfreie“ Übertragung zu gewährleisten, die zunehmend im Home Office gefordert wird, brauche es leistungsstarke Netze. Glasfaser wird hier die Zukunft sein. Im ländlichen Raum setze man auf 5G, wo viele Haushalte über Mobilfunk mit hohen Bandbreiten versorgt werden können.

Ewald Kiss

Immobiliennutzer setzen zunehmend eine störungsfreie Internetverbindung voraus (Ewald Kiss, Vice President Magenta Telekom)

Die Dekarbonisierung von Gebäuden stand im Mittelpunkt der Keynote von Tobias Weiss vom AEE Intec ein, das eine außeruniversitäre Forschungseinrichtung in der Nähe von Graz ist. Er ging dabei auf folgende Themen ein: Das Gebäude als integrativer Baustein des (zukünftigen) Energiesystems, digitale Gebäudezwillinge im Betrieb und multifunktionale Gebäudehüllen in der Sanierung. Alle Forschungsbereiche hinterlegte Weiss mit bereits umgesetzten Projekten, um zu zeigen, wie man die Dekarbonisierung im Kälte- und Wärmesektor schafft. In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, wie man mit den jahreszeitlichen Schwankungen im erneuerbaren Sektor umgeht. Weiss gab in diesem Zusammenhang auch einen Einblick, wie man Energie abseits von Netzeinspeisungen im Gebäude speichern kann.

Tobias Weiss

Das Gebäude wird integrativer Baustein des zukünftigen Energiesystems sein (Tobias Weiss, Leiter Bereich Gebäude AEE Intec)

Faire Verträge – nur in Allianzen möglich?

„Wir werden keinen Anwalt brauchen, bei uns gilt der Handschlag, ein gängiger Spruch zu Beginn meiner Anwaltstätigkeit“, leitete Moderator Martin Schiefer von Schiefer Rechtsanwälte den Themenblock Faire Vergabe ein. Mehr als zwei Jahrzehnte später sind wir weit entfernt von dieser Kultur, wie die Impulsvorträge und die anschließende Podiumsdiskussion zum Thema Faire Vertragsgestaltung zeigte.

Podiumsrunde Faire Vergabe
Moderator Martin Schiefer, Schiefer Rechtsanwälte, stellte die „Killerfrage“: Besteht die Gefahr, dass der Planer irgendwann in den Hintergrund treten wird?

Thomas Wetzstein, Geschäftsführender Gesellschafter Vasko+Partner, ging in seinen Ausführungen darauf ein, was es am Bau aus Sicht eines Generalplaners braucht, um Projekte besser und friktionsfreier abzuwickeln. Planen und Bauen haben sich wesentlich verändert, die Komplexität der Gebäude und damit der Projektabwicklungen hat stark zugenommen. Tatsächlich waren früher wenig Unternehmen an einem Bauvorhaben beteiligt. Heutzutage gibt es 300 Kontrollinstanzen, es gibt Projektsteuerung, begleitende Kontrollen, alle möglichen beratenden Agenden, sodass die Struktur selbst extrem breit, groß und schlussendlich unwirksam wird, deutet Wetzstein ein Problem in der Ausführung an. Wir haben viele Werkzeuge und Verträge, technische Innovationen, digitale Methoden, die uns weitergebracht haben. Aber es ist – wenn wir Lean beispielsweise betrachten – nichts wirklich Neues, ein Projekt zu optimieren, intelligenter zu strukturieren. Allerdings habe man im Laufe der Zeit verlernt, einander in der Projektabwicklung zu vertrauen, so Wetzstein, der damit wieder den Faden im Eingangsstatement von Schiefer aufnahm.

Thomas Wetzstein

Wir haben im Laufe der Zeit verlernt, einander in der Projektabwicklung zu vertrauen (Thomas Wetzstein, geschäftsführender Gesellschafter Vasko+Partner)

Baurechts-Experte Georg Karasek zeigte in seinem Impulsvortrag zu Allianzverträgen die kritischen Schnittstellen in der Projektabwicklung auf. Das klassische System, das wir seit Jahrzehnten kennen, ist die Trennung von Planung und Bau. Es gibt auf der einen Seite den Block Auftraggeber plus Planer, und auf der anderen Seite die ausführenden Unternehmen. In jedem Fall gebe es ein Kommunikationsproblem, denn „man braucht nur schauen, wo die Bautätigen örtlich tätig sind. Der Auftraggeber sitzt irgendwo, die Planer sitzen irgendwo, die örtliche Bauaufsicht sitzt vor Ort und auch die ausführenden Firmen sitzen teilweise vor Ort. Im besten Fall sitzen sie alle an der Baustelle, aber in getrennten Containern“, so Karasek. Schließlich will der die örtliche Bauaufsicht eher einen Fehler zu viel, als einen zu wenig finden, sonst könnte man in eine Haftung kommen. Auch das sei eine Schnittstelle, die sehr streitträchtig ist. Sind Allianzmodelle nun ein Allheilmittel? Karasek: „Nein, sind sie nicht. Allerdings ist es in Anbetracht der Baurealität einen Versuch wert, einmal etwas ganz anderes zu machen.“

Georg Karasek

Allianzmodelle sind kein Allheilmittel, aber angesichts der vielen Schnittstellenproblematiken einen Versuch wert, einmal etwas anderes auszuprobieren (Georg Karasek, Baurechts-Experte Karasek Wietrzyk Rechtsanwälte)

An der anschließenden Podiumsdiskussion nahm auch Gustav Spener, Präsident der Länderkammer der ZiviltechnikerInnen für Steiermark und Kärnten, teil, der prinzipiell an eine Vermischung der Modelle glaubt. Viele Ansätze würden sich auch im klassischen Modell der Trennung von Planung umsetzen lassen. Generell betonte Spener, dass bei aller Jammerei sehr viele Projekte von Ziviltechnikern gut und zur Zufriedenheit der Auftraggeber abgewickelt werden und verwehrte sich dagegen, dass Ziviltechniker als Teil des „alten Systems“ gewertet werden, die sich gegen alle neuen Entwicklungen wehren würden. Aber es gäbe gute Gründe, um Planung und Ausführung zu trennen. Einig war man sich darin, dass man in Österreich auf einer ganz anderen historischen Entwicklung beim Planen und Bauen aufbaut als in jenen Ländern, wo Lean und Allianzverträge schon seit längerem eingesetzt werden.

Gustav Spener

Es gibt gute Gründe, die Trennung von Planen und Bauen aufrechtzuerhalten“ (Gustav Spener, Präsident der Länderkammer der ZiviltechnikerInnen für Steiermark und Kärnten)

Mit Digitalisierung hatte der 2. Kongresstag in Loipersdorf begonnen und mit dem Thema endete er auch: Bernd Hufnagl, Neurobiologe, Führungskräftetrainer und Managementberater, sprach über in seiner Abschluss-Keynote „Unser Gehirn im digitalen Dauerstress“ über die Auswirkungen der Digitalisierung auf uns alle. Die digitale Permanenz habe fatale Nebenwirkungen wie Aufmerksamkeitsstörungen, wie Hufnagl aufmerksam machte. Die Menschen hätten das Zuhören verlernt, bilden sich Meinungen aufgrund einer fragmentierten Wahrnehmung, womit Missverständnisse und Konflikte vorprogrammiert sein.

Bernd Hufnagl

Die digitale Permanenz versetzt unser Gehirn in einen Dauerstress mit fatalen Nebenwirkungen (Bernd Hufnagl, Neurobiologe und Führungskräftetrainer)

Tag 3: Green Deal als Chance für Österreich

Der dritte Tag des Fachkongresses Österreichische Bautage stand im Zeichen des Green Deals und der Dekarbonisierung unserer gebauten Umwelt. An drei Keynotes zu den Bereichen Neubau, Sanierung und E-Mobilität schlossen sich eine Podiumsdiskussion und zu den Themen passende Workshops.

Die Frage „Wie müssen zukunftsfähige Gebäude aussehen? behandelte Renate Hammer, Geschäftsführende Gesellschafterin der Institute of Building Research & Innovation ZT-GmbH, in der Eingangs-Keynote anhand von 12 Kriterien. Das zukunftsfähige Gebäude ist bereits gebaut und gibt Boden zurück – damit werden die Themen Bodenversiegelung und Flächeninanspruchnahme adressiert. Das zukunftsfähige Gebäude stärkt den (regionalen) Standort, reduziert Verkehr, senkt Treibhausgase, ist ein Kraftwerk und hält dem Blackout stand, ist klimawandelangepasst und steht im Grünen – Entsiegelung und viel Grün tragen wesentlich zum Kühlen unserer Städte bei. Das zukunftsfähige Gebäude liegt am Wasser – wobei hier nicht Leben am Fluss, sondern zum einen der Gedanke, wie man mit Niederschlagsmengen umgeht, gemeint ist und zum anderen die Renaturierung von Fließgewässer und Nutzung von Uferflächen. Das zukunftsfähige Gebäude ist funktionsoffen und trägt schließlich zum Gemeinwohl bei.

Renate Hammer

Das Grün in der Stadt ist kein Luxus. Das Grün in der Stadt ist überlebensnotwendig“ (Renate Hammer, Institute of Building Research & Innovation ZT-GmbH)

Andreas Kreutzer ging auf das Potenzial in der Sanierung ein, als vielleicht wichtigsten Beitrag zum Green Deal. Er wunderte sich über die Mittelverteilung der Sanierungsoffensive des Bundes für 2021/2022, wo der Großteil für den Tausch von Öl- und Heizkessel zur Verfügung stehen und somit in etwa zwei Drittel des Umsatzes 2019 dieser Branche  gefördert werden. Für die thermische Sanierung – also Fenster, Dächer, Fassaden etc. – bleiben dann in diesem Förderkonzept nur 125 Millionen Euro übrig, was ungefähr zehn Prozent der korrespondierenden Umsätze in der Baustoffindustrie entspricht. Zu dieser Asymmetrie in den Fördergeldern kommt noch hinzu, dass der Beschäftigungseffekt bei einer Fassadensanierung etwa wesentlich höher als beim Tausch eines Heizkessels wäre. Wobei Kreutzer betont, dass die Fördermittel für die Heizkessel nicht zu viel, aber für die thermische Sanierung jedenfalls zu wenig sind. Ein Großteil des sanierungswürdigen Gebäudebestands wird damit nicht erreicht, weil sich viele Haushalte die thermische Sanierung nicht leisten können.

Andreas Kreutzer

Ein Viertel aller Haushalte sind finanziell nicht in der Lage thermisch zu sanieren. Das entspricht 450.000 Haushalten (Andreas Kreutzer, Geschäftsführer Branchenradar.com)

Katharina Kohlweiss, Expertin für E-Mobilität bei der Kelag-Kärntner Elektrizitäts-AG ging in ihrem Impulsvortrag „Von der I-mmobilie zur E-mmobilie“ auf technische, rechtliche und praktische Aspekte in der E-Mobilität ein, mit der sich die Kelag bereits seit 2008 – seit 2018 speziell mit E-Mobilität im Wohnbau – beschäftigt und appellierte an die Bauträger sich mit E-Mobilität zu beschäftigen. Die Zulassungszahlen steigen stetig, wobei eine Studie davon ausgeht, dass 80 bis 90 Prozent der Ladungen zuhause oder am Arbeitsplatz erfolgen werden. Lade-Infrastruktur steigert jedenfalls den Wert der Immobilie, weil man Bedürfnisse der Nutzer befriedigen kann, sondern auch die Immobilie zukunftsfit macht. Immer mehr Mieter fragen mittlerweile nach Lademöglichkeiten am Immobilienstandort nach.  Zeitgerechte Installation vermeidet spätere Mehrkosten durch teure Nachrüstung, wo eventuell auch rechtliche Hürden beispielsweise durch Mauerdurchbrüche gegeben sind.

Katharina Kohlweiss

E-Ladeinfrastruktur steigert den Wert der Immobilie, die damit zukunftsfit gemacht wird“ (Katharina Kohlweiss, E-Mobilitäts-Expertin Kelag)

In der anschließenden Podiumsdiskussion, zu der sich Florian Stadtschreiber – CEO der Kiubo GmbH – als Auftraggeber im Wohnbau gesellte, gingen die Teilnehmer der Frage nach, wie der Green Deal in Österreich umgesetzt werden kann. Dabei stellte sich das Thema Verkehr als besonders wichtig heraus. Graz-Reininghaus sei ein gutes Beispiel für die Stadt der kurzen Wege, brachte etwa Stadtschreiber ein. Wir müssen es schaffen in städtische Infrastruktur – und das müssen nicht immer nur die großen Landeshauptstädte sein – mehr Multifunktionalität einzubringen, um den richtigen Nutzungsmix zu schaffen. So könnte man es schaffen von dem hohen Bedarf an Mobilität wegzukommen. Heiß diskutiert wurde auch das aktuelle Thema der Flächenwidmung. Stadtschreiber: „Grundsätzlich glaube ich, dass Gemeinden sehr wohl ein Recht darauf haben, ihren Lebensraum auch selbst gestalten zu können. Das muss man ihnen nicht wegnehmen und auf höherer Ebene regeln. Es müssen sich auch die Raumplaner in Österreich ein bisschen an der Nase nehmen, die meines Erachtens in dieser Debatte viel zu leise sind, und sich viel zu wenig äußern.“ Wobei die Sauerei nicht die Umwidmung, sondern der Umwidmungsgewinn sei, stellte Kreutzer fest.

Florian Stadtschreiber

Grundsätzlich glaube ich, dass Gemeinden sehr wohl ein Recht darauf haben, ihren Lebensraum auch selbst gestalten zu können (Florian Stadtschreiber, CEO Kiubo GmbH)

In der Abschluss-Keynote der Österreichischen Bautage ging Roland Schöbel, Partner PwC Österreich, der Frage nach, ob der Markt schon bereit sei, für Nachhaltigkeit (mehr) zu bezahlen. Er griff damit das brandaktuelle Thema EU-Taxonomie und ESG-Kriterien auf. Er führte den Vertretern der Bau- und Immobilienbranche vor Augen, dass sich alle Marktteilnehmer darauf vorbereiten müssen, in rascher Zukunft Zahlen und Daten liefern zu müssen, für die man jetzt oft noch gar keine Reporting-Systeme aufgesetzt hat. ESG wird für alle Käufer, alle Investoren und alle Mitarbeiter jeden Tag wichtiger und man wird sich nicht zurückziehen können und das Thema ESB ignorieren, wenn man nicht ein Schicksal wie Kodak erleiden möchte.

Roland Schöbel

Ich kann nur empfehlen Early Mover zu sein, denn jene, denen das Thema ESG wichtig ist, werden am Ende des Tages die erfolgreicheren sein. (Roland Schöbel, Partner PwC Österreich)