Gebäudeschnitt
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Kreislaufwirtschaft: Das Gebäude als Materialdepot

Mit Madaster entwickelt sich in Europa gerade eine Plattform, auf der sich unterschiedliche Marktplayer vernetzen, um ihre Ideen für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip zusammenzubringen. Die Plattform könnte auch die Immobilienwirtschaft umkrempeln, weil ähnlich einer Rohstoffbörse nun auch in Gebäuden verbaute Materialien über die Plattform gehandelt werden können und in die Bewertung von Immobilien einfließen. Diese Daten stehen über hochgeladene BIM-Modelle zur Verfügung.

Der Kreislaufwirtschaft wird derzeit mit dem Green Deal der Europäischen Union der Rücken gestärkt. Ein guter Zeitpunkt, um das Cradle-to-Cradle-Prinzip in der Wirtschaft zu verankern. Es geht darum, dass Unternehmen ihre Ressourcen unter einem neuen Blickwinkel betrachten und nach Möglichkeiten suchen, ihre bisherigen Abfallprodukte wiederzuverwenden, zu teilen oder sogar zu verkaufen. Auf diese Weise kann der „Abfall“ des einen Unternehmens zu wertvollen Ressourcen eines anderen werden. Auf die Bau- und Immobilienbranche umgelegt bedeutet das, verbaute Materialien als Depot für weitere Projekte zu nützen, verbunden mit BIM-Modellen ergibt sich damit quasi ein Baustoffrecycling 4.0.

Möglich machen könnte dies die Plattform Madaster – eine Wortschöpfung aus den holländischen Wörtern Material und Kataster. Ursprünglich von Pablo van den Bosch 2017 in Holland – wo die Kreislaufwirtschaft schon weit vorangetrieben ist – als Stiftung gegründet, wurden mittlerweile Madaster Schweiz und 2020 Madaster Deutschland gegründet. Hierzulande ist der Aufbau von Madaster Österreich im Gange, ab 2022 soll die Plattform laufen.

Madaster hat eine klare Vision: Abfall vermeiden, indem sie Materialien einen Wert gibt. Dafür braucht es einen öffentlich zugänglichen Einblick und Überblick über Materialien, Bauteile und Produkte. „Drees & Sommer nutzt Madaster in anderen Ländern bereits, um die kreislauffähigen Planungen nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip hochzuladen, wobei wir sämtliche kreislauffähige Material- und Elementdaten im BIM-Modell darstellen“, so Nadja Pröwer, Mitglied der Geschäftsleitung bei Drees & Sommer: „Welche Materialien sitzen an welchen Stellen, wie sind sie zu demontieren, wie flexibel, wie gesund sind sie, was sind die Fügetechniken – also alle Daten, die man für die Kreislaufwirtschaft braucht. Diese fertige Planung – also das komplette BIM-Modell – stellen wir auf Madaster.“

Webbasierter Materialpass für Gebäude

Das hat auch einen wirtschaftlichen Hintergrund, der für die Immobilienwirtschaft generell nicht zu vernachlässigen ist. Pröwer: „Wir wollen bei unseren kreislauffähigen Gebäuden bereits zum Zeitpunkt der Planung und spätestens mit der Fertigstellung des Gebäudes die Materialwerte in die Buch­werte hineinbringen.“ Über Madaster können daher Werte abgegriffen werden, wie viel die Materialien, die im Gebäude stecken – der Stahl, der Beton etc. – wert sind, wenn man das Gebäude rückbaut. Letztendlich kann damit das Materialdepot des jeweiligen Gebäudes beziffert werden. Pröwer: „Das heißt ein Investor verkauft nicht nur das Gebäude, sondern auch die Materialwerte, die im Gebäude stecken. Damit haben Immobilien, die auf Madaster stehen, schon mal einen ganz anderen Wert als Gebäude, die das nicht ausweisen können.“

Madaster generiert automatisch sichere, webbasierte Pässe für registrierte Gebäude und Bauobjekte. Diese Pässe enthalten Informationen über Qualität, Herkunft und Standort von Materialien und Produkten, die beim Bau von Gebäuden und anderen Bauobjekten verwendet werden, und geben Aufschluss über den materiellen, kreislauffähigen und finanziellen Wert dieser Objekte. Mit Blick in die Zukunft könnten fertiggestellte Gebäude generell über einen Materialpass verfügen, der Auskunft über die wiederverwendbaren Materialien gibt. Das würde auch dazu führen, dass sich Baumaterialhersteller mehr Gedanken über die Recyclingfähigkeit ihrer Produkte und Lösungen machen und sich aktiv in die Kreislaufwirtschaft einbringen.

Madaster gibt verschiedensten Marktplayern aber auch die Möglichkeit, ihr Geschäfts­modell im Bereich des Recyclings öffentlich zu machen und auch mit Daten anderer Teilnehmer das eigene Geschäftsmodell umzusetzen. Pröwer: „Als offene Plattform ist sie offen für ganz viele neue Geschäftsmodelle, die gerade erst im Entstehen sind. Wir wissen derzeit ja noch gar nicht alles, wie man in vielleicht fünf Jahren Geschäfte mit wiederverwendbarem Material machen kann.“

So funktioniert Madaster

>> Upload der Gebäudedaten auf die

Plattform über BIM/IFC oder Excel.

>> Automatische Verknüpfung der Daten

aus dem BIM-Modell mit Informationen

aus den Datenbanken.

>> Berechnung des Zirkularitätsindexes

und finanzielle Bewertung der Rohstoffrestwerte sowie Erstellung von Materialpässen.

>> Nutzung weiterer Dienstleistungen

über Partner-Apps.

Quelle: Drees & Sommer