a3BAU Round Tabe: KI in der Praxis und wo die Potentiale liegen
DIE GESPRÄCHSTEILNEHMER des ersten a3BAU RoundTable:
- Reinhard Egger, Geschäftsführer Gerstl Bau
- Elmar Hagmann, Sprecher der Geschäftsführung/Miteigentümer DI Wilhelm Sedlak GesmbH
- Bernd Oswald, Co-Founder Gropyus
- Herwig Pernsteiner, Vorstandsvorsitzender ISG, Verbandsvorstand Gemeinnützige Bauvereinigungen in Österreich (GBV)
- Hubert Rhomberg, Geschäftsführer Rhomberg Holding GmbH, Rhomberg ventures GmbH
- Hans-Peter Schöll, Geschäftsführer Schöll Bau
Die Bauwirtschaft steht vor einem Wandel: Künstliche Intelligenz hält Einzug auf Baustellen und in Planungsbüros. Doch wo liegen die größten Potenziale? Welche Investitionen sind heute notwendig, um 2030 wettbewerbsfähig zu sein? Und wird der Faktor Mensch an Bedeutung gewinnen oder verlieren? Diesen Fragen stellten sich führende Verterter der österreichischen Bauwirtschaft beim ersten Round Table von a3BAU.
Den gesamten Gesprächsverlauf des a3BAU-Roundtable finden Sie hier inklusive weiterer spannender Themen:
Round Table "Ohne Innovation keine Wirtschaftlichkeit"
Zwei Kernbereiche für KI-Einsatz identifiziert
Hubert Rhomberg, Geschäftsführer der Rhomberg Holding, sieht derzeit den größten Nutzen von Künstlicher Intelligenz in zwei zentralen Bereichen: "Erstens bei der automatisierten Kalkulation und Kostenschätzung: Durch unsere KI-gestützten Werkzeuge können wir bei der Planung schnell und zuverlässig Preise mit plus/minus fünf Prozent berechnen." Besonders bei kleineren Projekten oder weniger erfahrenen Kunden entstehe dadurch ein echter Mehrwert durch frühe Kostentransparenz.
Der zweite Schwerpunkt liegt im Baustellenmonitoring: Rhomberg nutzt ein eigenes 5G-basiertes Netzwerk mit mobilem Rechenzentrum direkt auf der Baustelle. "Dort bündeln wir Sensoren, Kameras und Drohnen, die die gesamte Baustelle automatisiert überwachen", erklärt er. Das System erkennt in Echtzeit Maschinenbewegungen, überwacht Sicherheitsvorgaben und identifiziert Materialengpässe.
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel liefert die Qualitätskontrolle: "Mithilfe von Bilderkennungssoftware können wir bei der Fassaden-Montage im 2. Stock erkennen, wenn sich Montagefehler einschleichen. Die betroffenen Teams werden automatisch informiert – noch während des Prozesses."
Daten als Grundlage für KI-Revolution
Bernd Oswald, Co-Founder von Gropyus, betont eine grundlegende Voraussetzung für erfolgreiche KI-Implementierung: "Künstliche Intelligenz – oder jede Form von datenbasierter Optimierung – funktioniert nur dann, wenn ausreichend Daten vorhanden sind." Seine Empfehlung ist konkret: "Wir müssen damit aufhören, ausschließlich mit ausgedruckten Plänen und Bleistiftnotizen zu arbeiten."
Stattdessen sollten Unternehmen systematisch digitale Daten erfassen und sich fragen: Was passiert aktuell auf der Baustelle? Welche Informationen lassen sich digital dokumentieren? "Solange wir noch mit großformatigen Papierplänen und handschriftlichen Markierungen arbeiten, bleibt der Zugang zu echten digitalen Optimierungspotenzialen verschlossen", warnt Oswald.
Vom Gewerk zur Aktivität: Digitaler Wandel bei Gerstl Bau
Reinhard Egger von Gerstl Bau demonstriert, wie radikal sich Bauprozesse durch Digitalisierung verändern lassen. Vor sechs Jahren schaffte sein Unternehmen den klassischen Bauzeitenplan ab und führte einen reinen Prozessplan ein. "Bei uns gibt es keine Gewerke mehr im herkömmlichen Sinn, sondern ausschließlich Aktivitäten."
Diese Umstellung offenbarte die wahre Komplexität von Bauprojekten: "Bei einem Bau mit 150 Wohnungen gibt es rund 48.000 Aktivitäten bis zur Fertigstellung – dieses Wissen hatten wir früher nicht." Heute sind alle Prozesse digital hinterlegt, jede Einheit mit einem digitalen Interface ausgestattet. Aufgrund der sprachlichen Vielfalt auf Baustellen arbeitet Gerstl Bau mit visuellen und haptischen Lösungen: "Ein Mitarbeiter kann durch einfaches Antippen sehen, welche Aktivität gerade in seiner Wohnung ansteht."
Die sechsjährige Entwicklungsarbeit zahlt sich aus: "Wir bauen mindestens ein bis zwei Monate schneller", berichtet Egger. Bei einem Projekt mit 1.600 Wohnungen konnten drei Monate Bauzeit eingespart werden.
Kooperation statt Konkurrenz
Rhomberg sieht in der Zusammenarbeit der Branche einen Schlüssel für die KI-Zukunft: "Wir müssen es schaffen, die aktuelle Entwicklungsgeschwindigkeit zu bewältigen – und das gelingt nur, wenn wir unser Wissen bündeln und gemeinsam nutzen." Die Baubranche stehe nicht in direkter Konkurrenz zueinander, und genau darin liege die Chance.
Seine Prognose: Große Techkonzerne werden vermutlich nicht in die Baubranche einsteigen, da die Margen zu gering und die Prozesse zu langsam seien. "Das bedeutet, wir müssen unsere Technologien selbst entwickeln und nutzen." Er beschäftigt sich intensiv damit, möglichst schnell ins praktische Testen zu kommen – direkt auf der Baustelle. "Wer hier früh startet und schneller lernt, wird seine Lösungen künftig an andere Bauunternehmen weitergeben können."
Mensch und Maschine: Eine komplexe Beziehung
Die Frage nach der zukünftigen Rolle des Menschen auf der Baustelle führt zu differenzierten Antworten. Hans-Peter Schöll von Schöll Bau unterscheidet klar: "Im Büro Vollgas – auf der Baustelle Stopp. Warum? Weil ich draußen die Leute brauche, die diese Digitalisierung auch tatsächlich umsetzen." Erfahrene Vorarbeiter und Poliere über 40 Jahre seien unerlässlich – idealerweise mit entsprechender Berufserfahrung.
Oswald hingegen setzt auf einen anderen Ansatz: Seine Erfahrung während der Pandemie zeigte, dass Messebauer erstaunlich gut funktionierten. "Messebauer sind es gewohnt, unter Zeitdruck zu arbeiten, sie verstehen Abläufe und können präzise nach Plan umsetzen." Seine Vision ist ambitioniert: "Ein gutes Bausystem ist dann erreicht, wenn jeder, der einen IKEA-Schrank aufbauen kann, auch ein Gropyus-Gebäude zusammenbauen kann."
Elmar Hagmann von der Wilhelm Sedlak GesmbH propagiert einen Mittelweg und startet ein "Reverse Mentoring": Junge Mitarbeiter zwischen 20 und 22 Jahren, die mit digitalen Technologien aufgewachsen sind, sollen älteren, erfahrenen Kollegen unter die Arme greifen. "Diese Generation schreibt quasi blind SMS mit zwei Fingern – sie können den Erfahrenen helfen, genau dann entsteht echtes Teamdenken."
Automatisierung in der Praxis
Konkrete Beispiele für Automatisierung liefert Oswald: "Wir verwenden eine spezielle Krankonsole, die mit einem RFID-Lesegerät, Kameras und Bewegungssensoren ausgestattet ist. Damit erfassen wir jede einzelne Kranbewegung und jedes gehobene Element." Die Erkennung erfolgt automatisch über QR-Codes auf den Bauelementen.
Die Kransteuerung ist bereits weitgehend automatisiert – bis auf den letzten Meter zum Versetzort. "Das finale Versetzen muss dann händisch gemacht werden – und genau da liegt das Problem." Bei Maschinenherstellern stoße man regelmäßig an Grenzen, wenn es um Software-Eingriffe gehe.
Strukturierte Datenerfassung als Herausforderung
Hagmann warnt vor überzogenen Erwartungen: "Strukturierte Datenerfassung ist extrem aufwendig – außer sie geschieht automatisch über Sensorik und KI. Derzeit ist das allerdings noch selten der Fall." In den letzten zehn Jahren sei der Standard nicht nur in der Produktion, sondern auch in der Dokumentation massiv gestiegen.
Bei 100 Wohnungen brauche es heute oft zusätzlich einen Techniker und einen Polier – nur für Dokumentation und Schriftverkehr. "Genau hier muss Digitalisierung ansetzen", fordert er. Seine Einschätzung: "Ich sehe uns da erst am Anfang einer langen Reise."
Digitalisierung mit Augenmaß
Die Experten sind sich einig: KI und Digitalisierung werden die Bauwirtschaft fundamental verändern. Doch der Erfolg hängt von strukturierter Datenerfassung, durchdachter Implementierung und der richtigen Balance zwischen Mensch und Maschine ab. Wie Hagmann zusammenfasst: "Digitalisierung – ja, aber so viel wie sinnvoll und notwendig. Sie muss einen echten Nutzen bringen und darf kein Selbstzweck sein."
Rhomberg blickt optimistisch in die Zukunft: Bereits heute werden erste humanoide Roboter als intelligente Assistenzsysteme getestet. "Das Mensch-Maschine-Zusammenspiel wird in den kommenden Jahren eine noch größere Rolle spielen." Sein Ziel: Diese Technologien allen Mitarbeitenden als "echtes Zugangstool" zugänglich zu machen – damit junge Ingenieure in zwei Jahren so viel lernen wie früher in zehn Jahren.