Allianzvertrag in der Praxis: Früh planen, Anreize bündeln
Wie sich der Allianzvertrag und verwandte Partnerschaftsmodelle wie Early Contractor Involvement (ECI) und Integrierte Projektabwicklung (IPA) im D-A-CH-Raum bewähren, war Thema der 7. Jahresveranstaltung „Partnerschaft mit Baupraxis“. Ausgerichtet wurde die Konferenz von der Österreichischen Bautechnik Vereinigung (ÖBV) gemeinsam mit Heid & Partner. Am ersten Tag stellten Auftraggeber und Auftragnehmer Projekte aus Österreich, Deutschland und der Schweiz vor, am zweiten Tag folgten vier Workshops. Die Bilanz laut Veranstalter: Frühe Einbindung, gemeinsame Anreize und klare Zuständigkeiten unterstützen die Zusammenarbeit, gelöst sind damit aber nicht alle Fragen.
Allianzvertrag: Neues ÖBV-Merkblatt als Orientierung
Eine zentrale Neuerung präsentierten Gerald Zwittnig (ÖBB-Infrastruktur AG) und Markus Frühwirth (Asfinag): das ÖBV-Merkblatt „Allianzvertrag: Infrastruktur – Empfehlungen zur Vergabe und Ausführung“, das seit April 2026 erhältlich ist. Es behandelt unter anderem Zielkosten, Risikozuordnung, Bonus-Malus-Systeme, die Auswahl des Projektpartners, die Bindung des Schlüsselpersonals, die Einbindung von Planern und ÖBA, Kostennachweis und Open-Book-Abrechnung sowie die Fortschreibung von Zielkosten und Zielterminen. Ein Vergleich mit IPA-Modellen ergänzt die Empfehlungen. Laut Veranstalter sind sie als Orientierung gedacht und jeweils auf das konkrete Projekt abzustimmen.
Merkblatt bestellen: ÖBV-Merkblatt „Allianzvertrag: Infrastruktur“
Ebenfalls seit April 2026 liegt die zweite Überarbeitung des ÖBV-Merkblatts „Alternative Vergabe- und Vertragsmodelle“ vor. Es soll helfen, ein Projekt einzuordnen und ein passendes Abwicklungsmodell zu wählen. Für Anfang 2027 kündigte Daniel Deutschmann (Heid & Partner) zudem ein „Praxishandbuch Allianzverträge“ an.
Frühe Einbindung im Hochbau und Bestand
Wie ECI im Hochbau funktioniert, zeigten Lucas Kluger (BIG) und Hannes Geiger (Pittel+Brausewetter) am Beispiel der Sanierung der Vorderen Zollamtsstraße 3 in Wien. Das Gebäude wurde am 31. August 2026 termingerecht übergeben. Die frühe Zusammenarbeit führte unter anderem zu einer geänderten Kanalführung, zu einer mit der Denkmalpflege abgestimmten Fensterlösung und zur Vorbereitung der Vorfertigung im Dachgeschoss. Als Lehre aus dem Projekt nennt der Veranstalter, dass die Partneringphase bis zur verlässlichen Kostenklärung laufen sollte.
Beim Ordensklinikum Linz, vorgestellt von Bernhard Reininger und Martina Windbichler, durchliefen die Gewerke Baumeister, HKLS und Elektrotechnik zeitlich überlappend eine gemeinsame Partneringphase. Schnittstellen wurden vor Ausführungsbeginn geklärt und in die finalen Angebote übernommen. Das Fazit laut Veranstalter: ECI beseitigt nicht alle Risiken, macht den Umgang mit ihnen aber früher und transparenter.
Gemeinsame Anreize über Gewerke hinweg
Bei der Modernisierung des Tauerntunnels, Etappe 2, verknüpft die ÖBB das Allianzmodell über eine gewerkeübergreifende Bonusvereinbarung mit den weiteren beteiligten Gewerken. Maßstab ist die uneingeschränkte Betriebsfähigkeit des Tunnels. Koordination, ein Frühwarnsystem und die Offenlegung terminrelevanter Risiken sollen helfen, die knappe Sperrzeit einzuhalten. Vorgestellt wurde das Projekt von Christiane Schiavinato, Markus Höhndorf und Daniel Deutschmann.
Für die Regional-Stadtbahn der Schiene OÖ ist eine Kombination aus Individualverträgen und einem übergeordneten Mehrparteienvertrag geplant. Die Anreize sollen auf das Gesamtergebnis ausgerichtet werden. Ein weiteres österreichisches Pilotprojekt, bei dem ein Allianzvertrag zum Einsatz kommt, ist der Erkundungsstollen Schaufelberg von Verbund.
Erfahrungen aus Deutschland und der Schweiz
Aus Deutschland stellten Roland Spangler und Bernd Walter das Partnerschaftsmodell Wasserstraße vor, einen modularen Ansatz, der sich an den jeweiligen Projektanforderungen orientiert. Jutta Heine-Seela und Jörg Weiße präsentierten das Partnerschaftsmodell Schiene am Beispiel der Schienenanbindung der Festen Fehmarnbeltquerung. Beim 3. Bauabschnitt der Universität Bielefeld, vorgestellt von Oliver Bartz und Sascha Peter, verbindet das Konzept „Unternehmen auf Zeit“ integrierte Zusammenarbeit mit klaren Zuständigkeiten und Entscheidungswegen.
Aus der Schweiz kam die Birs Allianz mit dem Referenzbausoll für die ARA Birs, präsentiert von Fabian Hug und Carina Schlabach. Klare Rollen, Wissenssicherung bei Personalwechseln und die Einarbeitung neuer Teammitglieder gelten dort laut Veranstalter als zentrale Aufgaben.
Wo der Allianzvertrag an Grenzen stößt
Dass Partnerschaftsmodelle kein Selbstläufer sind, zeigte ein abgeschlossenes Projekt: Beim Nordabschnitt des Schmittentunnels kam ein „Allianzvertrag light“ zum Einsatz, der sowohl Möglichkeiten als auch Grenzen des Modells sichtbar machte. Anspruchsvoll bleibt laut Veranstalter vor allem die Abgrenzung zwischen klassisch zugeordneten und gemeinsam getragenen Risiken.
Den Abschluss des ersten Tages bildete eine Podiumsdiskussion unter der Leitfrage „Partnerschaftsmodelle in der Praxis: Was funktioniert – und was muss sich noch ändern?“, moderiert von Konstantin Savov. Am 23. Oktober vertieften vier Workshops die Themen Open Book, die Abwicklung von IPA- und ECI-Modellen sowie die vergaberechtliche Gestaltung von Allianzverträgen.