© adobestock.com/Anon

CO2-Emissionen: Der lange Weg zur Emissionsfreiheit

Beim jüngsten BOKU-Energiecluster stand die Frage im Mittelpunkt, wie Österreich bis 2040 klimaneutral werden kann – zehn Jahre früher als die EU. Das Ziel verlangt, CO2-Emissionen um rund 90 Prozent zu reduzieren und den Rest über Senken auszugleichen.

Beim jüngsten BOKU-Energiecluster „Netto Null – wie kommen wir auf Kurs“ im Wilhelm-Exner-Haus in Wien haben Impulsvorträge die systemische Herausforderung der ökologischen Wende einmal mehr deutlich gemacht: Wirtschaft, Politik, Industrie und Forschung in den Dialog zu bringen, ist dafür unverzichtbar. Zumal Lippenbekenntnisse im krassen Gegensatz zur Dringlichkeit stehen, denn die Taten verfehlen ihre Wirkung. Trotz des technologischen Fortschritts steigen die Emissionen fossiler Energieträger global weiterhin beängstigend, aber auch lokal in manchen europäischen Regionen, die sich für fortschrittlicher halten als sie sind.

Video Energiecluster anschauen

Der erste Impulsvortrag von Karl Steininger, Leiter des Wegener Center für Klima und Globalen Wandel an der Universität Graz, beleuchtete die österreichische Emissionsentwicklung: Seit 1950 stiegen die Treibhausgase bis auf ein Allzeithoch 2005, ehe leichte Rückgänge folgten. Erst zwischen 2022 und 2024 sank das Niveau spürbar unter das von 1990 – vor allem wetter- und konjunkturbedingt. 2025 stagnierten die Werte wieder. Zentral sei die Unterscheidung zwischen produktionsbasierten und konsumbasierten Emissionen. „Bezieht man den CO2-Gehalt importierter Güter mit ein, liegen Österreichs Emissionen um 40 bis 50 Prozent höher“, so Steininger. „Konsumbasierte Emissionen zeigen also, dass vieles, was in Österreich konsumiert wird, anderswo zu Emissionen führt.“

Das neue CO2-Ausgleichssystem für Emissionen

Ein wichtiges Instrument dagegen ist der „Carbon Border Adjustment Mechanism“ (CBAM) der EU: Seit 1. Jänner dieses Jahres werden für Importe bestimmter CO2-intensiver Güter wie zum Beispiel Stahl oder Zement Ausgleichsabgaben erhoben, wenn das Herkunftsland kein vergleichbares CO2-Preissystem hat. Bis 2034 sollen innerhalb der EU alle kostenlosen Emissionszertifikate auslaufen, womit auch den Stakeholdern der Bauwirtschaft eine Veränderung abgerungen wird. Der Mechanismus soll Wettbewerbsverzerrungen verhindern, jedoch erhalten europäische Exporteure keine Kompensation für ihre CO2-Kosten – aus Furcht vor WTO-rechtlichen Konflikten. Steininger verwies zudem auf die globale Verantwortung Europas am Beispiel Brasiliens: In der Savannenregion Cerrado führen Sojaexporte zu Entwaldung, Wasserverlust und Landkonflikten. Handelsabkommen wie Mercosur könnten diese Probleme verstärken, wenn ökologische und soziale Standards fehlen. Die EU-Regulation gegen Entwaldung greift hier nur teilweise, da der Cerrado nicht als „Waldgebiet“ gilt. Damit zeige sich, dass Klimapolitik über den europäischen Raum hinausgedacht werden müsse.

Wie alle anderen Rednerinnen und Redner betonte Steininger, dass gesellschaftlicher Wandel nur gelingt, wenn eine gemeinsame Vision der Zukunft entwickelt wird. An einem Beispiel aus der Steiermark zeigte der Ökonom, wie partizipative Klimastrategien mit Bürgerräten neue Motivation schaffen können: Wenn Klimaschutz nicht als Einschränkung, sondern als Gestaltungsraum verstanden wird, entstehen Akzeptanz und Handlungsbereitschaft. Im Prinzip vergleichbar mit kooperativen Verfahren, die die Identifikation mit der umbauten Umgebung steigert.

Soziale Komponenten des Wandels

Im zweiten Impulsvortrag analysierte Alina Brad vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien die politische Dimension: „Laut aktuellen Berechnungen des Umweltbundesamts wird Österreich das EU-Klimaziel 2030 deutlich verfehlen – selbst bei vollständiger Umsetzung aller geplanten Maßnahmen um rund 13 Millionen Tonnen CO2.“ Dies entspreche fast einem Drittel der gegenwärtigen Emissionen aus den Nicht-ETS-Sektoren (European Union Emissions Trading System). Ursachen seien unzureichende Reduktionsmaßnahmen, Kürzungen in klimarelevanten Budgets wie etwa der E-Mobilitätsförderung oder dem ÖBB-Rahmenplan sowie emissionsfördernde Infrastrukturprojekte wie neue Autobahnen. Bei Verfehlen der Ziele drohen EU-Strafzahlungen in Milliardenhöhe.

Brad argumentierte, dass sich künftige Reduktionen nicht allein durch Effizienzsteigerungen und technologische Innovationen erreichen lassen. Nachfrageorientierte Maßnahmen, die Energieverbrauch und Ressourcenbedarf strukturell senken, seien wesentlich. Beispiele seien eine Arbeitsorganisation, die Mobilität reduziert, oder Stadtplanung, die kurze Wege fördert. Der Fokus müsse von „Effizienz“ auf „Suffizienz“ und resiliente Lebensweisen verschoben werden. Rebound-Effekte – etwa, dass steigende E-Auto-Zahlen durch insgesamt mehr Verkehr kompensiert werden – minderten bisherige Fortschritte. Nur durch eine konsequent klimafreundliche Infrastrukturpolitik und sozial gerechte Lastenverteilung bleibe Klimapolitik gesellschaftlich tragfähig.

Der Superbaustoff

Für die Bauindustrie am aussagekräftigsten war sicherlich die Position von Sebastian Spaun, Geschäftsführer der VÖZ (Vereinigung der österreichischen Zementindustrie), der am Beginn launig anmerkte, dass Beton vielen Menschen auf den Wecker geht, weil er einfach überall ist. Immerhin 30 Milliarden Tonnen Beton werden global jährlich verbaut. „50 Prozent von allem, was wir weltweit produzieren, ist Beton“, sagte Spaun. Zugleich betonte er konzise: „Wir wissen, dass wir eine CO2-intensive Industrie sind. Aber wir haben seit 25 Jahren konsequent auf Kreislaufwirtschaft gesetzt und unsere Emissionen deutlich reduziert.“

Grafik Betonproduktion

Ein zentraler Baustein dieser Transformation ist die CO2-Roadmap der Branche bis 2050, die den Weg zur klimaneutralen Zementproduktion beschreibt. „Wir haben unsere Roadmap im Schulterschluss mit allen Unternehmen entwickelt. Technisch wissen wir sehr genau, was wir innerhalb unserer Werksgrenzen tun müssen – das Problem beginnt außerhalb der Werkszäune“, so Spaun lakonisch. Gemeint sind fehlende Rahmenbedingungen: vom Ausbau erneuerbarer Energien über die CCS-Gesetzgebung (Carbon-Capture-Storage) bis hin zur Infrastruktur für CO2-Transport und -Speicherung.

Besonders brisant ist für die RoadmapBranche die noch ausstehende Umsetzung der EU-CCS-Richtlinie in Österreich. „Wenn wir diese Richtlinie nicht rasch in nationales Recht gießen, werden wir bei europäischen Innovations- und Umsetzungsfonds weiterhin durchfallen“, mahnte Spaun. Die EU vergebe kein Geld in Länder, in denen die rechtliche Basis für CO2-Abscheidung und -Speicherung fehle. „Sonst sagt Brüssel: In dieses Land zu investieren ist sinnlos, da kommt es ohnehin nicht zur Transformation.“

CO2 Sparsamkeitsführer Grafik

Die finanziellen Dimensionen der Umstellung sind enorm. „Früher war eine Investition von 25 Millionen Euro in ein Zementwerk groß. Für Carbon Capture reden wir heute von 500 bis 700 Millionen Euro pro Standort – das ist eine Verzehn- bis Verzwanzigfachung“, erklärte Spaun. Dennoch hält er CCS für gesamtwirtschaftlich tragbar: Selbst eine Verdreifachung der Zement-Produktionskosten würde etwa die Baukosten eines Hochhauses nur um rund 0,4 Prozent erhöhen. „Die Dekarbonisierung der Grundstoffindustrie ist volkswirtschaftlich nicht das große Problem – das hat Nicholas Stern schon vor über 20 Jahren gesagt“, so Spaun, den einstigen Chefökonomen der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung zitierend, der seinerzeit unter anderem die enormen Folgekosten bei unterlassener Defossilierung berechnete.

Umso unverständlicher sei aus seiner Sicht, dass Österreich bei der nötigen Infrastruktur und Planung hinterherhinke. Er fordert eine strategische Kooperation mit Nachbarstaaten, etwa bei CO2-Pipelines und geologischen Speicherstätten: „Wir müssen nicht alles in Österreich machen, aber wir dürfen das Thema nicht wegschieben, nur weil es politisch heikel ist.“ Die Aufgabe, gesellschaftliche Akzeptanz für CO2-Speicherung und neue Leitungen zu schaffen, sei eine staatliche, nicht eine unternehmerische: „Das ist eine hoheitliche Aufgabe – Geologische Bundesanstalt, Umweltbundesamt, Universitäten: Wir brauchen sie alle an Bord.“

Gleichzeitig warnt Spaun vor wachsendem Carbon Leakage: In den vergangenen Jahren haben sich Zementimporte nach Europa massiv erhöht, vor allem aus der Türkei und aus Ägypten. „Wir stehen im globalen Wettbewerb – und zwar mit Ländern, die weder vergleichbare Umweltstandards noch CO2-Kosten haben“, erklärte er. Instrumente wie CBAM seien daher „für uns wichtig wie ein Stück Brot“. Andernfalls verliere Europa nicht nur Emissionen, sondern auch Wertschöpfung und Know-how an Drittstaaten. Trotz aller Kritik betonte Spaun mehrfach die Stärken des Standorts: „Wir haben alle Rohstoffe im Land, wir gewinnen einen wachsenden Teil aus Recycling und Urban Mining, wir haben die Kunden regional um unsere Werke – und wir gehören seit Jahren zu den CO2-effizientesten Zementproduzenten der Welt.“ Umso dringlicher sei es, nun einen verlässlichen politischen Rahmen zu schaffen. Man müsse Gas geben, Biogas, meinte Spaun schelmisch.

Dabei gehe es nicht um weitere lose Zielbekundungen, sondern um konkrete Pfade. Spaun zitierte zustimmend den Volkswirt Stefan Schleicher: „Klimaschutz braucht einen Bauplan und nicht nur einen Werkzeugkasten.“ Und ergänzte folgendes Bonmot: „Wir müssen weg von weglosen Zielen hin zu zielgerichteten Wegen.“ Dabei erwähnte Spaun, den die Dekarbonisierung der Zementindustrie seit Jahrzehnten beschäftigt, dass es Pragmatik braucht bei der finanziellen Zuwendung: „Mehr Deployment Fonds, die konsequent von ETS- und CBAM-Einnahmen gespeist sind. Deployment heißt Umsetzung. Wir müssen realisieren und das ist nicht immer innovativ, sondern das ist beim zehnten Zementwerk möglicherweise more of the same. Ohne Planungssicherheit und Entscheidungen, die länger halten als eine Legislaturperiode, werde kein Unternehmen Investitionen mit 15-jährigem Vorlauf tätigen.“

Sein Appell an Politik und Öffentlichkeit fiel entsprechend deutlich aus: „Wenn ein internationaler Konzern bereit ist, hunderte Millionen Euro in Österreich in Transformationsprojekte zu investieren, sollten wir nicht bremsen, sondern sagen: Ja, bitte – und dann unsere Hausaufgaben machen.“ Transformation sei für die Zementindustrie nicht nur Klimaschutz, sondern knallharte Standortfrage. „Was uns fehlt, ist nicht die Technik. Was uns fehlt, ist die Vision, wo Österreich im Klimaschutz in zehn Jahren stehen soll – und ein Bauplan, wie wir dorthin kommen.“

Konsumsteuer als Utopie

Schließlich resümierte Tobias Pröll vom Institut für Verfahrungs- und Energietechnik der BOKU University das klägliche Versagen der Klimapolitik. Seine apokalyptische Conclusio: „Nach fast 35 Jahren gescheiterter Ansätze fehle es an effektiven Strategien, die demokratisch tragfähig sind. Globale Abkommen seien naiv, unilaterale Maßnahmen wie CO2-Steuern unpopulär – selbst mit Rückzahlung, wie der Rückzug in Kanada zeigte. Stattdessen tendierten Wähler zu Klimaskeptikern.“

Als Lichtschimmer hob er zwei Krisen jüngerer Vergangenheit hervor: Covid-19 bewies einerseits eine rasante Technologieentwicklung bei Nachfrage wie der Impfstoff-Entwicklung bewies und andererseits die Energiekrise danach, die zeigte, wie wirkmächtig der Preis ist, denn teurer Strom und Gas senkten den Verbrauch spürbar. Daraus leitete Pröll Kriterien für eine nützliche Politik ab, die weit über technische Herausforderungen hinausreicht: Sie muss durch hohe CO2-Preise effektiv, unilateral anwendbar, legal, technologisch offen, sozial fair und von demokratischer Mehrheit getragen sein. Dies gelinge nur durch einen Paradigmenwechsel: Nicht pauschal die Industrie oder ein im Sinne der Emissionen problematisch agierender Staat sollen adressiert werden, sondern die Konsumenten. Sie seien die wahren Verschmutzer. Inspiriert vom britischen Ökonomen Dieter Helm, dessen Buch „Net Zero“ Ideengeber für die Betitelung der Veranstaltung war, plädiert er für eine CO2-Fußabdruck-Steuer auf Produkte und Dienstleistungen – kombiniert mit der Mehrwertsteuer. Die Einnahmen werden pro Kopf als Klimadividende umverteilt und kommen so den Menschen wieder zugute. In westeuropäischen Ländern verdienen 75 Prozent weniger als die Hälfte des Durchschnitts; bei proportionalem CO2-Fußabdruck profitieren diese also netto, Wohlhabende zahlen mehr. Der gute Wille habe die Ziele nicht erreichen lassen; es brauche den Appell an die niederen Instinkte. „Aus Neid und Geiz würde klimafreundliches Verhalten belohnt: Weniger fliegen, Rad statt Auto, gelebte Suffizienz“, so Pröll. „Dies schafft Marktnachfrage nach dekarbonisierten Produkten, ohne Subventionen oder Grenzausgleichssteuern, die vor Carbon Leakage schützen. Hohe Tarife bis 500 Euro pro Tonne CO2 – die laut Studien für Netto null nötig sind – seien machbar. Die Industrie würde bei solchen Preisen zusperren – die Konsumenten können dies tragen, wenn umverteilt wird.“ Pröll plädiert für eine ökologische Gesellschaft, die so erfolgreich ist, dass die anderen diese auch wollen.

Ergänzt wurden die Vorträge durch Statements aus der Perspektive der Konsumforschung und der Politik. Petra Riefler, Leiterin Nachhaltige Konsumverhaltensforschung an der BOKU ergänzte: „Konsumenten allein können nicht lösen – sie sitzen am Ende linearer Ketten. Strukturelle Änderungen sind essenziell.“

Christopher Lamport vom Bundesministerium für Landwirtschaft, Umwelt, Klimaschutz stellte einen Backlash fest: „Es ist natürlich richtig, dass wir momentan leider in manchen Bereichen am Zurückrudern sind, sowohl auf globaler Ebene, auch auf europäischer Ebene teilweise“, sagte er zu Verzögerungen, wie beispielsweise dem wankenden EU-Verbrenner-Verbot ab 2035. Auch national „bewegt sich manches wieder in die andere Richtung“ und damit weg vom Erreichen der Klimaziele. Positiv hob er das EU-„Fit for 55“-Paket hervor, um die Netto-Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 55 Prozent gegenüber 1990 zu senken: Fortschritte in Energiepolitik, Emissionshandel und CBAM. In Österreich zeigen die Maßnahmen Wirkung, wenngleich „die Förderungssätze zu hoch“ waren. Zur CO2-Speicherung stellte er in Aussicht: „Die Rücknahme des Verbots für geologische Formationen ist unmittelbar in Vorbereitung und könnte jederzeit vom Ministerrat beschlossen werden. Das ist insbesondere für ‚Hard-to-abate-Industrie‘ unerlässlich.“

Weitere Aspekte betreffen den Abbau klimaschädliche Subventionen, womit um 2 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr ab 2030 weniger in der Atmosphäre landet. Die Empfehlungen der Arbeitsgruppe dazu sind Mitte 2026 zu erwarten. Schließlich müsse ein neues nationales Klimagesetz den zeitlichen Fahrplan vorgeben. Eine ausgewogene Beziehung von Politik und Bauwirtschaft braucht dies dringend.