Rechenzentrum
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Data Center zwischen KI-Boom und Energiewende

Rechenzentren sind längst mehr als technische Gebäude – sie entwickeln sich zur kritischen Infrastruktur der globalen Wirtschaft. Der KI-Boom verändert nicht nur die IT-Branche, sondern zunehmend auch Energieversorgung, Stadtplanung und Bauwirtschaft. Eine neue Spezialdisziplin entsteht, irgendwo zwischen Kraftwerk, Fabrik und digitalem Nervensystem der Wirtschaft.

Noch bevor der erste Server installiert ist, gilt das Projekt bereits als strategischer Meilenstein: Google errichtet in Oberösterreich sein erstes Rechenzentrum in Österreich. Auf einem ehemaligen Industriegelände in Kronstorf entsteht derzeit jene Infrastruktur, die künftig künstliche Intelligenz, Cloud-Dienste und digitale Geschäftsmodelle antreiben soll. Der US-Konzern spricht von einem langfristigen Investment in die digitale Zukunft Europas – und macht damit sichtbar, wie sehr Rechenzentren vom unscheinbaren Technikbau zur kritischen Infrastruktur geworden sind. und unternehmenseigene Rechenzentren für sensible Daten.

Auch Microsoft hat Österreich mittlerweile als Standort für digitale Infrastruktur entdeckt. Rund um Wien hat der Konzern 2025 seine neue Cloud-Region mit mehreren Rechenzentren eröffnet – ein Milliardeninvestment für KI- und Cloud-Dienste. Während Google in Kronstorf sichtbar baut, entstehen viele dieser Anlagen weitgehend im Verborgenen. Denn Rechenzentren gelten längst als kritische Infrastruktur: hochgesicherte Gebäude mit enormem Energiebedarf, deren Bedeutung für Wirtschaft und öffentliche Verwaltung stetig wächst.

Der weltweite KI-Boom verändert nicht nur die IT-Branche, sondern zunehmend auch Energieversorgung, Stadtplanung und Bauwirtschaft. Während klassische Immobiliensegmente unter Druck geraten, entsteht rund um Rechenzentren eine neue Assetklasse mit enormem Wachstumspotenzial. „Der Appetit nach Rechenleistung wächst“, bestätigt Porr-CEO Karl-Heinz Strauss. Für die Bauwirtschaft entstehe damit ein völlig neuer Infrastrukturmarkt rund um Rechenzentren und KI-Fabriken. Er spricht bereits von einem „neuen Wachstumsmarkt“ für die Bauwirtschaft, denn der zunehmende Einsatz von Cloud-Technologien und KI-Anwendungen sorgt für einen wachsenden Bedarf an Dateninfrastruktur: „Die neuesten Studien rechnen damit, dass weltweit in den nächsten vier Jahren 100 GW an neuen Rechenzentren errichtet werden und die Hälfte der Arbeitslast aller Data Center KI-getrieben sein wird. Die European Data Centre Association prognostiziert in Europa zwischen 2026 und 2031 kumulierte Investitionen von EUR 176 Mrd. Begrenzt wird das Wachstum nicht durch die Nachfrage, sondern durch die Verfügbarkeit von Energie, die Stromnetze und die Genehmigungsverfahren.“

Die Porr, die derzeit das achte Rechenzentrum fertigstellt, hat sich für den Boom gerüstet: Neue Strukturen und eigenständige Einheiten wurden geschaffen. Strauss: „Es reicht nicht, gut zu bauen: Man muss den Sektor verstehen. Rechenzentrumskunden denken in Uptime und Megawatt, nicht in Quadratmetern. Wir müssen also ihre Welt kennen, um hier als Partner aufzutreten. Technisch braucht man Tiefe in der Energieversorgung, im Cooling und in der kritischen Gebäudetechnik. Organisatorisch muss man die Fähigkeit mitbringen, unter extremem Termindruck koordiniert zu liefern, mit vielen Gewerken, vielen Schnittstellen und null Toleranz für Stillstand. Das ist eine eigene Disziplin, und die muss man bereits aufgebaut haben, noch bevor man ins Projekt geht.“

Der Anspruch der Porr ist es daher, so früh wie möglich ins Projekt einzusteigen, idealerweise schon in der Konzeptphase. Strauss: „Wir liefern turnkey – von der ersten Planung bis zur schlüsselfertigen Übergabe. Ein Punkt, der uns zusätzlich vom Mitbewerb unterscheidet: Wir können auch die Stromanbindung inklusive Umspannwerk realisieren. Für viele Kunden ist das ein entscheidender Faktor, weil ein komplexer Prozess so in einer Hand bleibt.“

Auch Siemens profitiert massiv von diesem Trend. Konzernchef Roland Busch erklärte jüngst, der Auftragseingang im Geschäft mit Rechenzentren sei im vergangenen Quartal „prozentual dreistellig gewachsen“. Hintergrund ist der explosionsartige Ausbau von KI-Infrastruktur weltweit. Doch Rechenzentren sind längst mehr als reine IT-Gebäude. Sie entwickeln sich zu kritischer Infrastruktur – mit völlig neuen Anforderungen an Energieversorgung, Gebäudetechnik, Planung, Kühlung und Betrieb.

Einer, der diese Entwicklung seit Jahren begleitet, ist Claus Tinnacher, verantwortlich für den Data Center Vertical Market in der Siemens AG Österreich. Der Experte beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Planung, Errichtung und Betrieb von Rechenzentren sowie mit Themen wie Energieeffizienz, Digitalisierung und KI-Infrastruktur. Tinnacher beschreibt vor allem sogenannte Colocation-Rechenzentren als eine der spannendsten Entwicklungen der Branche.

„Das sind im Grunde Hotels für Server“, sagt er. Unterschiedliche Unternehmen mieten dort Flächen an, installieren ihre Server oder lassen diese direkt vom Betreiber aufbauen. Der Trend gehetendenziell weg vom eigenen Serverraum hin zu spezialisierten Rechenzentrumsbetreibern, die Skaleneffekte bei Planung, Bau und Betrieb nutzen können. Dabei unterscheidet Tinnacher vier grundlegende Typen von Rechenzentren:

  • Enterprise Data Center
  • Colocation Data Center
  • Managed Service Data Center
  • Hyperscaler

Während klassische Enterprise-Rechenzentren von Unternehmen selbst betrieben werden, dominieren bei den Hyperscalern globale Konzerne wie Google, Microsoft oder Amazon den Markt. „KI ist aktuell einer der stärksten Wachstumstreiber überhaupt“, sagt Tinnacher. Das betreffe mittlerweile sämtliche Klassen von Rechenzentren.

Rechenzentren sind keine Bürogebäude

Aus Sicht der Bau- und Gebäudetechnik unterscheiden sich Rechenzentren fundamental von klassischen Büro- oder Gewerbeimmobilien. „Ein Rechenzentrum auf Standard zu errichten und erst danach einen Betreiber zu suchen, funktioniert meist nicht gut“, erklärt Tinnacher. Der spätere Nutzer müsse bereits sehr früh in die Planung eingebunden werden. Denn entscheidend seien verfügbare Netzkapazitäten, Stromanschlüsse, Kühlkonzepte, Erweiterungsmöglichkeiten, Sicherheitsanforderungen und spätere Leistungsdichten.

Projektentwickler würden heute häufig zunächst geeignete Grundstücke mit ausreichender Stromversorgung identifizieren und anschließend gemeinsam mit Betreibern und Technologiepartnern die Infrastruktur definieren. Der Faktor „Time-to-Market“ spiele dabei eine zentrale Rolle. Rechenzentren gehören zur kritischen Infrastruktur und verursachen enorme Investitionskosten. Deshalb müsse Planung, Errichtung und Inbetriebnahme möglichst schnell erfolgen. „Je schneller ein Rechenzentrum in Betrieb geht, desto schneller beginnt die wirtschaftliche Nutzung“, so Tinnacher.

Planung wie eine digitale Fabrik

Besonders stark verändert die Digitalisierung die Planungsprozesse selbst. Strauss dazu: „Der Bau von Rechenzentren ist eine eigene Disziplin und wer das unterschätzt, merkt es spätestens auf der Baustelle. Zum Beispiel muss bei Rechenzentren das Zusammenspiel zwischen Struktur, Technik und Energieversorgung von Anfang an integriert geplant sein, also parallel und eng verzahnt statt sequenziell. Dazu kommt die Inbetriebnahme. Die ist bei Rechenzentren ein eigenständiger, mehrstufiger Prozess inklusive Commissioning, Stresstests und schrittweiser Übergabe. Das bedeutet aber auch, dass wir eine andere Denkweise, andere Werkzeuge und andere Rollen im Projektteam benötigen und unsere internen Prozesse gezielt darauf ausgerichtet haben.“

Rechenzentren werden heute stark mittels Building Information Modeling (BIM), digitalen Zwillingen und virtuellen Simulationen entwickelt. Bereits vor Baubeginn werden Stromversorgung, Kälteerzeugung, Gebäudetechnik, Automatisierungssysteme, Kollisionen zwischen Gewerken und die Betriebsabläufe simuliert. „Man plant und simuliert das gesamte Rechenzentrum bereits vor Baubeginn digital – inklusive aller Prozesse und gebäudetechnischen Systeme“, bestätigt auch Tinnacher. Siemens bringe hier viel Know-how aus dem industriellen Umfeld ein. Rechenzentren würden zunehmend wie „AI Factories“ betrachtet – also wie digitale Fabriken für künstliche Intelligenz.

Wie weit dieses industrialisierte Denken bereits reicht, zeigt ein aktuelles Kooperationsprojekt von Siemens mit NVIDIA und dem Energiespeicherspezialisten Fluence: Die Partner haben ein gemeinsames Referenzdesign für KI-Fabriken entwickelt, das die gesamte Elektro- und Energieversorgung vom Netzanschluss bis zur Rack-Schnittstelle als durchgängiges, modulares System definiert. „Dank vorgefertigter, werkseitig geprüfter Mittel- und Niederspannungs-Skids ist es möglich, den Montageaufwand vor Ort zu minimieren, die Inbetriebnahmezyklen zu verkürzen und die Qualität sowie Wiederholbarkeit bei allen Deployments zu verbessern", erklärt Ruth Gratzke, President Siemens Smart Infrastructure USA. Das Prinzip erinnert an industrielle Vorfertigung im Hochbau – und signalisiert, wie stark Standardisierung und Skalierbarkeit auch im Rechenzentrumsbereich an Bedeutung gewinnen.

Energie wird zur Schlüsselressource

Die größte Herausforderung bleibt allerdings der Energiebedarf. Rechenzentren benötigen enorme Mengen Strom – und wandeln diesen letztendlich nach den Rechenoperationen fast vollständig in Wärme um. Entsprechend entscheidend werden Kühlung und Energieeffizienz.  Im Fokus stehen daher optimierte Kühlsysteme, thermische Gesamtoptimierung, effiziente Kälteerzeugung, intelligente Regelung, Power Monitoring und nachhaltige Energieversorgung.

Wie groß diese Dimensionen inzwischen sind, verdeutlicht das oben erwähnte Siemens-Referenzdesign: Es ist auf eine Gesamtkapazität von 136 Megawatt ausgelegt, bei einer IT-Last von 100 Megawatt. Das entspricht in etwa dem Jahresstromverbrauch von 100.000 österreichischen Haushalten.

Zentrale Kennzahl ist der sogenannte PUE-Wert (Power Usage Effectiveness), der die Energieeffizienz eines Rechenzentrums beschreibt. Besonders durch KI-Anwendungen steigen die Leistungsdichten derzeit massiv an. Damit verändern sich auch die Kühlkonzepte grundlegend. „AI-Rechenzentren arbeiten heute mit deutlich höheren Leistungsdichten und benötigen deshalb völlig neue Kühlkonzepte“, so Tinnacher. Ein Schlüsselthema ist dabei Liquid Cooling – also Flüssigkeitskühlung.

Standorte mit ausreichend Stromanschluss zu finden und zu entwickeln, wird zur echten Engpassfrage. Das verlangt Weitsicht und frühe Koordination mit den Netzbetreibern. Dazu kommt ein intensiver Wettbewerb um spezialisierte Fachkräfte, ergänzt Strauss.

Abwärme als urbane Ressource

Parallel dazu gewinnt die Nutzung der Abwärme zunehmend an Bedeutung. Während Rechenzentren lange als reine Stromverbraucher galten, entwickeln sie sich heute zunehmend zu potenziellen Wärmequellen für Städte und Quartiere. Siemens war etwa an einem Wiener Forschungsprojekt beteiligt, bei dem die Abwärme eines Rechenzentrums für ein Krankenhaus genutzt wird. „Im Idealfall können rund 80 Prozent der dort benötigten Wärme bereitgestellt werden“, berichtet Tinnacher.

Besonders in den nordischen Ländern sei die Einspeisung von Rechenzentrumswärme in Fernwärmenetze bereits Standard. Allerdings seien dafür bestimmte Voraussetzungen notwendig: kurze Leitungswege, geeignete Wärmeabnehmer, frühzeitige Integration in die Projektentwicklung, abgestimmte Betreiberkonzepte.

Dazu kommt eine weitere Dimension: Rechenzentren werden zunehmend auch als aktive Netzteilnehmer konzipiert. Batteriespeichersysteme – wie sie etwa Fluence im Rahmen des oben genannten Referenzdesigns einsetzt – ermöglichen es, Spannungs- und Frequenzschwankungen im Stromnetz auszugleichen, Lastspitzen zu glätten und den Betrieb auch bei instabiler Netzversorgung aufrechtzuerhalten. KI-Fabriken agieren damit nicht mehr nur als Stromverbraucher, sondern übernehmen zunehmend Funktionen, die klassisch dem Energiesektor vorbehalten waren.

Kritische Infrastruktur der Zukunft

Mit dem KI-Boom gewinnt auch die Frage nach europäischer Souveränität an Bedeutung. Europa versuche derzeit verstärkt, eigene KI-Infrastrukturen aufzubauen – etwa in Form von AI Factories,

Forschungsclustern, regionalen KI-Zentren oder europäischen Rechenzentrumskapazitäten. „Wenn man eigene Kapazitäten aufbaut, stärkt man üblicherweise auch die Unabhängigkeit“, sagt Tinnacher. Gleichzeitig werde die Zukunft stark von hybriden Modellen geprägt sein: Cloud-Lösungen, Colocation-Rechenzentren, lokale KI-Infrastrukturen und unternehmenseigene Rechenzentren für sensible Daten. Vor allem Industrieunternehmen würden kritische Produktions- und Betriebsdaten zum Teil weiterhin in eigenen Rechenzentren halten – etwa für KI-gestützte Predictive-Maintenance-Anwendungen, so Tinnacher.

Neue Spezialdisziplin für die Bauwirtschaft

Mit der Entwicklung von Rechenzentren entsteht auch innerhalb der Planungs- und Baubranche eine neue Spezialisierung. Internationale Engineering-Unternehmen wie beispielsweise Arup, RED Engineering oder Black & White Engineering entwickeln heute globale Rechenzentrumsstandards. Gleichzeitig etablieren sich auch heimische Büros wie FCG, ATG oder Vasko & Partner im Data-Center-Segment. Denn Rechenzentren sind längst keine gewöhnlichen Gebäude mehr. Sie verbinden:

  • Hochleistungsenergieversorgung
  • industrielle Gebäudetechnik
  • Sicherheitsinfrastruktur
  • Digitalisierung
  • Nachhaltigkeit
  • KI-Infrastruktur
  • urbane Energieintegration

Damit werden sie zu einer der zentralen Infrastrukturklassen der kommenden Jahrzehnte – irgendwo zwischen Kraftwerk, Fabrik und digitalem Nervensystem der Wirtschaft.

Wichtige Begriffe

Enterprise Data Center ist ein Rechenzentrum, das von einem Unternehmen für den eigenen Bedarf betrieben wird. Typisch für große Banken, Industrie- oder Technologiekonzerne. Das Unternehmen besitzt bzw. kontrolliert Infrastruktur, Server, Netzwerk und Sicherheitsrichtlinien selbst.

Colocation oder Co-Location, auch Serverhousing oder Serverhoming, bezeichnet die Dienstleistung zur Bereitstellung von Rechenzentrumsflächen (Fläche, Strom, Kühlung und Netzwerk)  für Dritte. Der Kunde bringt jedoch die eigene Hardware mit und betreibt sie selbst. Ein Colocation-Rechenzentrum wird in der Regel von mehreren Kunden genutzt.

Managed Service Data Center: Hier übernimmt der Anbieter zusätzlich zum Rechenzentrum auch den Betrieb der IT-Systeme. Der Kunde kauft also nicht nur Platz, sondern auch Services.

Hyperscaler sind sehr große Cloud-Anbieter mit weltweit verteilten Rechenzentren und extrem skalierbarer Infrastruktur. Beispiele: Amazon Web Services (AWS), Microsoft Azure, Google Cloud. Kein klassisches einzelnes Rechenzentrum, sondern globale Cloud-Plattformen mit nahezu unbegrenzter Skalierbarkeit.

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