Nicole Prieller vor Fensterscheibe
NADINE STUDENY PHOTOGRAPHY

Digitalisierung mit Plan

Die Corona-Krise würde die Digitalisierung beschleunigen und dafür sorgen, dass Unternehmen den notwendigen Modernisierungsschub nachholen, lautet die gängige Meinung zu den Auswirkungen des speziellen Jahres 2020 auf IT und Strategie. Aus der bisherigen Erfahrung ist diese Sicht auf die Dinge mit großer Vorsicht zu genießen, meint Digitalisierungsexpertin Nicole Prieller, Partnerin bei PwC Österreich.

a3BAU: Die Corona-Krise hat auch in der Bauwirtschaft die Digitalisierung beschleunigt. Wie schätzen Sie diese Entwicklung ein?
Nicole Prieller: Historisch sind Unternehmen nicht zwangsläufig gut darin, Prozesse, Abteilungs- und Workflow-Logiken, Tools und Technologien aus der Meta-Perspektive neu outside-in zu planen, zu denken oder gar zu implementieren. So vielversprechend viele Lösungen und Technologien auf den ersten Blick klingen mögen, sehen wir in unserer IT-Due-Dilligence sehr oft Projekte mit Millionen an Aufwänden und Mannjahren an verwendeten Ressourcen ohne relevanten Projekterfolg.

Also doch keine Digitalisierungsoffensive am Bau?
Ich denke, man muss zwischen Prozess­optimierung und echter Digitalisierung unterscheiden. Volldigitale ­End-to-End-Prozesse gibt es in der Bauwirtschaft nur in ganz wenigen Bereichen – derzeit ist man auch in Österreich eher im Feld der Prozessoptimierung tätig und das hat mit der Digitalisierung, wenn man ehrlich ist, relativ wenig zu tun, denn Software gibt es am Bau schon seit vielen Jahrzehnten.

Worin liegt der Unterschied zwischen tatsächlicher Digitalisierung und bloßen Prozessverbesserungen?
Es gibt am Bau eine Unzahl von Optimierungsmöglichkeiten, vom Qualitätsmanagement über die Baustellenkoordination, selbst die Angebotslegung bietet schon zig Einsatzmöglichkeiten digitaler Technologien. Digitalisierung ist dann erreicht, wenn zu allen wesentlichen Bauparametern, von der Planung bis zur Abrechnung und Dokumentation, alle Daten in Echtzeit vorliegen und man auf Basis dieser Daten agieren, kontrollieren und neue Geschäftsmodelle bauen kann. Das ist aber noch nicht alles: Auch Fortschritte im Bereich der ­Material- und Bauautomatisierung sind Teil der Digitalisierung am Bau und globale Faktoren wie die Elektromobilität, Urbanität, New Ways of Work oder der Klimawandel erlauben zudem neue Möglichkeiten und Wertschöpfungsmodelle. Baufirmen werden künftig viel stärker als Gesamtlösungsanbieter gefragt – das erfordert ein hohes Maß an Automatisierung. Vieles davon klingt in Europa noch futuristisch, ist aber in Asien bereits Realität und muss daher ernst genommen werden.

Oft handelt es sich bei digitalen Projekten also um digitale Fleckerlteppiche. Wie sollen die Unternehmen damit umgehen?
Es gibt nichts dagegen zu sagen, wenn man sich zuerst auf die drängendsten Themen konzentriert. In vielen Fällen sind das scheinbar „gelöste“ Themen wie etwa die Bewertung des Baufortschrittes oder der Fokus auf HR-Systeme, um Mitarbeiter besser abbilden zu können. Oft müssen ERP-Systeme abgelöst oder ein Data Warehouse einführt werden – also klassische IT-Projekte. Wichtig dabei ist aber, diese Projekte mit der digitalen Vision des Unternehmens zu verbinden, sonst steht man in fünf Jahren wieder am Anfang der Digitalisierungs­anstrengungen.

Was sind die ersten Schritte, um echte Digitalisierung im Unternehmen voranzutreiben?
So paradox es klingt – ganz wichtig ist es, jene Projekte zu identifizieren, die man besser stoppen sollte. Sogenannte „Digitalisierungsprojekte“ – was immer im Einzelfall darunter zu verstehen ist – benötigen gerade in Zeiten des wirtschaftlichen Umbruchs einen relativ nüchternen Blick auf Effizienz, Zielerreichung, wechselseitige Abhängigkeiten, Dauer, Kosten, Ressourceneinsatz und an die 50 weitere Parameter. Wir haben dafür ein neues Produkt entwickelt – Digital Project Alignment.

Was steckt hinter Digital Project Alignment?
Wir stellen fest, dass in Baufirmen derzeit viele Projekte unter dem Stichwort Digitalisierung laufen, die mit echter Digitalisierung wenig zu tun haben. In nur wenigen Wochen helfen wir Unternehmen dabei, ihre Digitalisierungsstrategie zu überdenken und in Zeiten des Wandels neu und effizienter zu gestalten, sehr oft zur großen Erleichterung von Management und Fachabteilung, die sich wachsenden Erwartungen unter schwierigen Rahmenbedingungen gegenüber sehen. Oft werden Projekte verfolgt, die gar nicht funktionieren können, weil die Grundlagen nicht da sind. Wir haben 50 Parameter entwickelt, die wir über ein Projektportfolio legen und die ein klares Bild davon geben, bei welchen Projekten am Ende etwas herauskommt und wo man repriorisieren muss. Diesen harten Schritt zu gehen ist wichtig, um wieder ­Tempo ins Unternehmen zu bekommen, man läuft sonst Gefahr, im digitalen Sektor alles zu machen, aber nichts zu erreichen.

Wie hoch ist die Erfolgsquote von Digitalisierungsprojekten?
Leider sehr gering. Es gab eine anfängliche Euphorie für Modethemen wie AI, BIM und vieles mehr, doch es fehlten die Grundlagen. Nun hat man die Mühen der Ebene vor sich und bemerkt, dass die sogenannten „Leuchtturmprojekte“ nicht mehr als das sind: einsame Initiativen, die auf verlorenen Felsen stehen. Das Problem ist aber nicht neu: Die Erfolgsrate großer Digitalisierungsprojekte wird teils offiziell, teils im Gespräch mit CIOs zwischen fünf und 15 Prozent eingeschätzt. Was auf den ersten Blick verwunderlich klingt, gilt jedenfalls dann, wenn man die ursprünglichen Erwartungen und Versprechen eines Projektes mit der oft nach vielen Jahren noch nicht abgeschlossenen Realität vergleicht. Einfache Technologien wie CRM oder Marketing Automation, die die Daten- und Interaktionsbasis für den „360-Grad-Kundendialog“ bilden sollen, hängen Jahre ungelöst im Backlog des Digitalisierungskataloges. Vielversprechende AI-Plattformen erblickten nie das Licht der Welt, andere Tools werden in bester Absicht von unterschiedlichen Abteilungen mit einander widersprechenden Annahmen angeschafft und nie wirklich in vollem Ausmaß live gebracht.

Woran scheitern Digitalisierungsprojekte in der Regel?
Am guten Willen. So gut wie jedes Digitalisierungsprojekt klingt in sich logisch und notwendig, doch die Summe der Projekte überfordert schnell. Ideen, die gut klingen, scheitern oft am Widerstand bestehender Logiken. Und wenn die Mitarbeiter in der Linie nicht dahinter stehen, wird es für digitale Pioniere im Unternehmen ganz schwer. Überzeugen, Kommunizieren und alle Bedenken und Sorgen ernst nehmen – das ist viel wichtiger als der Kauf von Lizenzen.

Sie nennen 50 Kern-Parameter – können Sie hier konkrete Beispiele aus der Bauwirtschaft nennen?
Wir sehen uns neben den üblichen Aspekten wie Zeit, Dauer, Ressourcen sehr viele meist völlig unterschätzte Erfolgsparameter an. Dazu gehören etwa die sonstigen Linienaufgaben der involvierten Personen, wir prüfen die Abhängigkeiten zwischen den Projekten, sehen uns an, inwieweit die Projekte den neuen Anforderungen an Cybersicherheit genügen und prüfen sogar, ob die nach der Implementierung notwendigen Kompetenzen und Prozessänderungen mitbedacht wurden. Vereinfacht gesagt: Wir heben in kurzer Zeit jeden Stein auf und finden so gut wie immer die wesentlichen Faktoren für potenzielle Projektmisserfolge oder teure Verzögerungen.

Wie erfolgt die Erfolgsmessung, das Evaluieren von Digitalisierungsprojekten?
Unsere 50 Parameter geben ein sehr klares Bild zum Projektportfolio – wir schauen so genau hin, dass nichts unter der Decke bleibt und liefern sowohl ein neuartiges Projektdashboard als auch sofortige Verbesserungsvorschläge. Was wir beobachten: Den meisten Abteilungen und involvierten Personen fällt ein Stein vom Herzen, weil sie selbst schon unter den vielen Inkonsistenzen gelitten haben und endlich wieder einen Weg sehen, das digitale Projektportfolio doch noch zu einem erfolgreichen Abschluss oder besser gesagt zu den nächsten erfolgreichen Meilensteinen zu führen.

Ihre Einschätzung zu Building Informa­tion Modeling: Haben wir in Österreich für diese (neue) Arbeitsweise die richtigen Strukturen bzw. was muss sich ändern, damit in BIM-Strukturen gearbeitet werden kann?
Die Prozesse in Unternehmen sind in jeder Branche das größte Innovationshindernis, so auch beim Thema BIM. Wesentlich ist aber, dass es einen klaren Zug zum Tor gibt und hier gibt die öffentliche Hand klare Hinweise: Die Digitalisierung am Bau wird kommen – sie ist genau genommen schon da –, noch sind wir aber global nicht wettbewerbsfähig genug. BIM erfordert – so wie Digitalisierung generell – eine umfassende Change-Begleitung und hier steckt der Bau tatsächlich noch in den Kinderschuhen. Von alleine aber ändern sich die Strukturen auch mit den tollsten Tools und Methoden nicht.

Sehr oft kommt in Gesprächen der Einwand, dass es das persönliche Gespräch in der Bauwirtschaft brauche. Was entgegnen Sie diesem Argument?
Nichts, das stimmt. Der persönliche Kontakt ist das A und O in der Branche. Der Punkt ist nur, dass man dafür Zeit haben sollte, indem Systeme die vielen manuellen Aufgaben am Bau abnehmen. Wir kennen Bauleiter, die nach dem Arbeitstag bis Mitternacht im Container sitzen und den Tag manuell nacharbeiten müssen – diese Belastung muss weg, dann ist wieder Zeit für den Kontakt und auch Zeit für neue Ideen und Geschäftsmodelle.

Schnellcheck Digitalisierung

An allen Ecken und Enden wird digitalisiert. Zu einer Digitalisierungsstrategie gehört aber eine ganzheitliche Betrachtung. Diese Checkliste zeigt klassische Stolpersteine auf, die Digi­talisierungsbemühungen schnell zu Fall bringen:

  • Vision Check: Inwieweit zahlen ihre Projekte darauf ein, schneller mehr Geschäft zu machen?
  • Interdependency Check: Wurden Abhängigkeiten zwischen Projekten bedacht?
  • Culture Check: Was ist nötig, um die eigenen Mitarbeiter für neue Technologien zu begeistern?
  • Process & IT Check: Werden durch Projekte noch mehr Silos geschaffen? Wie viel Komplexität kann die IT managen?
  • Cost, Time, Ressources: Wie realistisch sind die Ziele, Durchlaufzeiten und Kosten?

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