Anton Rieder, Riederbau
Baumeister Anton Rieder zeigte, das der Gebäudetyp E "Bauen wie früher - nur besser" ist
© a3BAU/Jürg Christandl

Abkehr von Normendiktat mit dem Gebäudetyp E

In zwei Keynotes wurde auf den Bautagen im Congress Loipersdorf erläutert, wo die Vorteile des „Gebäudetyp E" liegen. Sei es als Lösungsansatz gegen explodierende Baukosten und als Reaktion auf überkomplexe Normen, Potenzial wäre vorhanden. Anton Rieder, stellvertretender Bundesinnungsmeister und Geschäftsführer von Riederbau und Gerald Herndlhofer von Drees & Sommer Österreich zeigten konkrete Beispiele, wie durch intelligente Normabweichungen Kosten- und CO2-Einsparungen von bis zu 20 Prozent möglich sind.

„Die Betonbaunorm hatte früher 50 Seiten, heute sind es 1.000“, kritisierte Rieder in seiner Keynote mit dem Titel „Gebäudetyp E: Bauen wie früher - nur besser“. Der Tiroler Baumeister führt ein mittelständisches Unternehmen mit 280 Mitarbeitern und 80 Millionen Euro Bauleistung. Seine Kernbotschaft: Der technische Fortschritt habe sich in einen wirtschaftlichen Rückschritt verkehrt.

Konkrete Einsparungen durch gezielte Normabweichungen

Rieder präsentierte zwei wissenschaftlich fundierte Beispiele aus der Zusammenarbeit mit der Universität Innsbruck: Bei Betondecken könne allein durch Erhöhung der zulässigen Rissbreite von 0,3 auf 0,5 Millimeter eine Kosteneinsparung von 11 Prozent und eine CO2-Reduktion von 7 Prozent erreicht werden – ohne funktionale Einbußen. „Mein Maler sagt, der Spachtel geht auch leicht über 0,5 Millimeter drüber, das ist kein Problem", so Rieder.

Beim Thema Heizlastberechnung für Wärmepumpen verwies er auf einen konkreten Fall: „Aufgrund der alten Berechnung mussten wir vier Wärmepumpen einbauen. Die vierte ist nie gelaufen, die dritte nur wenige Tage – eigentlich hätten zwei gereicht." Mit modernen, simulativen Berechnungsmethoden auf Basis digitaler Gebäudemodelle ließen sich hier 20 Prozent einsparen.

Smart Construction Austria entwickelt eigenen Baustandard

Die von Rieder mitinitiierte Smart Construction Austria (SCA), ein Zusammenschluss von sechs mittelständischen Bauunternehmen, hat nach intensiver Arbeit einen gemeinsamen SCA-Baustandard mit 70 bis 80 Abweichungspunkten von geltenden Normen erarbeitet. „Wir bieten unseren Kunden an, sich die Punkte auszusuchen und zeigen konkret, was das in Euro und CO2 bedeutet", erklärte Rieder. Das Unternehmen setzt den Standard bereits in eigenen Projekten um und rechnet mit Einsparungen von 5 bis 10 Prozent.

Erstes Bürogebäude nach Gebäudetyp E in Deutschland

Gerald Herndlhofer, Geschäftsführer von Drees & Sommer Österreich, stellte das Projekt "The New 22" vor – das erste große Bürogebäude in Deutschland, das nach dem Standard Gebäudetyp E geplant und gebaut wird. Das internationale Planungs- und Projektmanagementunternehmen mit 6.500 Mitarbeitern und knapp einer Milliarde Euro Umsatz errichtet am Stuttgarter Campus ein eigenes Gebäude als Pilotprojekt.

Gerald Herndlhofer
Gerald Herndlhofer, Vorsitzender der Geschäftsführung bei Drees & Sommer SE
Foto: a3BAU/Jürg Christandl

„Warum haben wir in Österreich 55 Dezibel als Mindestschallschutz bei Wohnungstrennwänden, Deutschland 53 und die Schweiz 52? Sind wir Österreicher so viel lauter als unsere Nachbarn?", fragte Herndlhofer und verdeutlichte damit die Diskrepanzen zwischen nationalen Normen.

Nachhaltigkeit und Urban Mining im Fokus

Für Drees & Sommer steht beim Projekt besonders die Kreislaufwirtschaft im Vordergrund. „Wir beginnen jedes Projekt mit einer Nachhaltigkeitsstrategie", betonte Herndlhofer. Beim "The New 22" will das Unternehmen Systemtrennwände, Brandschutztüren, Holzbalken und Akustikdecken ohne Einzelzulassung wiederverwenden. Dafür wurden neue Prozesse mit den Behörden in Baden-Württemberg abgestimmt.

Das Projekt wird als Plus-Energie-Haus mit Geothermie und Photovoltaik realisiert. „Wir haben eine sehr enge Kooperation mit den Behörden, die komplett hinter dem Projekt stehen", so Herndlhofer. Die Behörden seien interessiert, gemeinsam voneinander zu lernen.

Gebäudetyp E: Zwischen Notwendigkeit und kritischer Differenzierung

Beide Experten betonten, dass Gebäudetyp E keine "One-Size-fits-all-Lösung" sei. Während der Standard für Wohnbau, sozialen Wohnbau und Bürogebäude sinnvoll erscheint, sehen die Fachleute bei Universitäten oder Spitälern Grenzen. Herndlhofer verwies auf die Chancen: beschleunigte Bauprozesse, mehr Flexibilität bei Bestandsprojekten und Kosten- sowie Zeitersparnisse.

In Tirol können wohnbaugeförderte Wohnungen bis zu 6.000 Euro pro Quadratmeter kosten, wobei 40 bis 45 Prozent auf Steuern und Abgaben entfallen. „Der Staat nimmt zwischen 40 und 45 Prozent von einer Wohnung", rechnete Rieder vor. Für das reine Bauen bleiben 40 bis 45 Prozent – hier setzt die Initiative Gebäudetyp E an.

Der Gebäudetyp E wurde in Deutschland entwickelt, wo bereits zahlreiche Pilotprojekte laufen, darunter 17 wissenschaftlich begleitete Projekte in Bayern. Der Hamburger Baustandard kommt auf Einsparungspotenziale von 20 bis 30 Prozent. Die Erkenntnisse aus deutschen Projekten sollen auch für Österreich nutzbar gemacht werden, wobei beide Länder vor ähnlichen Herausforderungen stehen: steigende Baukosten, Wohnraumknappheit und die Notwendigkeit, Klimaziele zu erreichen.

Ausblick: Dynamik in der Optimierungsdiskussion

„Das Schöne ist, dass wir auf einmal über Standards diskutieren können", resümierte Rieder. Die Initiative schaffe eine Optimierungsdynamik, die es in den letzten 20 Jahren nicht gegeben habe. „Wir haben uns nur an Gesetze und Vorschriften gehalten, was es kostet, war egal. Das ist jetzt nicht mehr so." Die Diskussion über Gebäudetyp E bringe automatisch auch Fragen nach kosteneffizientem Planen, Vorfertigung und digitalen Prozessen mit sich.

Interessierte können sich bei den Mitgliedsbetrieben der Smart Construction Austria über den SCA-Baustandard informieren. Rieder betreibt zudem einen Podcast zum Thema, in dem verschiedene Aspekte des Bauens außerhalb der Normen diskutiert werden.