Pestalozzi Bildungszentrum Nonconform a3bau
Kurz Hoerbst
Die Pestalozzi-Schule in Leoben stellt sich der Herausforderung zeitgemäßen Unterrichtens.

Bildungszentrum setzt neue Maßstäbe

Mi, 10.10.2018

Baulich wie pädagogisch hat das neue Bildungszentrum Pestalozzi, das heute drei Schulen vereint, eine bundesweite Vorbildwirkung.

Bei Fachkongressen, an der Universität und in Publikationen über die österreichische Bildungslandschaft wird das mit dem Schuljahr 2016/17 eröffnete Bildungszentrum Pestalozzi laufend als Best-Practice-Beispiel des Schulbaus gehandelt. Im vergangenen Schuljahr besichtigten bereits über 25 Schul- und GemeindevertreterInnen aus ganz Österreich das Gebäude. Leoben findet auf diese Weise Nachahmer in ganz Österreich und zählt mit der Revitalisierung des denkmalgeschützten Bauwerks zur Avantgarde einer neuen Schulbau-Generation. Nach gut zwei Betriebsjahren ist die Zufriedenheit seiner BenutzerInnen der beste Beweis für ein gelungenes Projekt.

Wie alles begann

Aufgrund schulpolitischer Veränderungen rief die Stadt Leoben in Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro nonconform und der Forschungsplattform schulRAUMkultur im Jahr 2013 das „Bildungszentrum Pestalozzi“ ins Leben. Ziel des Projektes war die Zusammenlegung der Volksschule Donawitz, der Neuen Mittelschule Pestalozzi und des Polytechnikums Göss in einem gemeinsamen Gebäude. Im Rahmen einer nonconform ideenwerkstatt, einem partizipativen Planungsprozess, wurden Lehrerende, Eltern und SchülerInnen in das Projekt miteingebunden. Das Besondere an diesem Umbau? „Dass der Lehrer die Klasse zumacht und dann in der eigenen Welt ist, für die er verantwortlich ist, das gibt es nicht mehr. Man hört, was in den Klassen passiert. Es sind auch SchülerInnen am Gang, die trotzdem am Unterricht teilnehmen. Eine komplett neue Unterrichtsform“, so Paul Neugebauer, Direktor des Polytechnikums, in seinem Rückblick nach einem Jahr Schulbetrieb.

Beteiligungsprozess "Nach drei Tagen ist alles anders"

Gemäß dem Motto „Nach drei Tagen ist alles anders“ arbeitete das Team der nonconform ideenwerkstatt 2013 vor Ort und mitten unter den Menschen am Zukunftsbild der Schule. Im Rahmen dieses partizipativen Planungs- und Forschungsprozesses, wurden SchülerInnen, PädagogInnen, das Haus- und Reinigungspersonal, Eltern, BürgerInnen aus der Nachbarschaft und dem Stadtteil, das Bundesdenkmalamt und Verantwortliche der Stadtgemeinde eingeladen, gemeinsam an einer räumlichen Lösung für die Schule mitzuwirken. „Die Begegnung zwischen den Planenden und den Nutzenden in der Ideenwerkstatt fand auf einer Ebene statt, und viele Ideen sind auch tatsächlich im Beteiligungsprozess entstanden“, erinnert sich Heimo Berghold, Baudirektor von Leoben.

Operation am offenen Herzen

Dreh- und Angelpunkt des Umbaus war die Transformation der finsteren Mitte des denkmalgeschützten Schulgebäudes. „Das Haus hatte ein ‚totes‘ Herz und seine Gänge wiesen ‚blinde‘ Enden auf“, so Architekt Michael Zinner von der Kunstuniversität Linz, der den wesentlichen baulichen Eingriff wie folgt formuliert: „Es war eine Operation am offenen Herzen.“ Das Gebäude wurde systematisch an verschiedenen Punkten geöffnet und perforiert, um Licht und Durchblick zu ermöglichen: Die Mittelmauer im Zentrum wurde zur Gänze abgebrochen und in drei Stützen aus Stahlbeton aufgelöst. Hier entfaltet sich nun ein heller, großzügiger Raum vertikal über alle Ebenen und bietet mehr Raum, Luft und Licht für das Entstehen eines Wir-Gefühls aller Schulen.

Neue, vielfältige Möglichkeiten

Das alte Gebäude verwandelte sich in eine vielfältige Landschaft neuer Lern- und Pausensettings. Wo früher dunkle Gänge gähnende Leere verbreiteten, tummeln sich heute SchülerInnen zwischen Strand-körben und Tischfußballtischen, spielen in Sitznischen Verstecken oder beobachten das Treiben in den anderen Klassenzimmern durch die sogenannten „Lernporen“. Jeder Klassenraum besitzt zwei dieser Poren, die – als Sitz- und Lernmöbel ausgeführt – Durchblicke in den Gang bilden. Das Lehren und Lernen muss in dieser Schule nicht nur in der Klasse stattfinden, sondern kann sich über die ehemaligen Gänge auf alle Bereiche hin ausdehnen. Dadurch konnte die sinnvoll nutzbare Fläche in ihrem Anteil von zwei Drittel auf drei Viertel erhöht werden. Ein „Vorne“ und „Hinten“ gibt es in den Klassenzimmern nicht mehr, flexible Schiebetafelsysteme und Möbel mit Rädern erleichtern das Umstellen und unterstützen so zeitgemäße Unterrichtsmethoden. Lehrende können zwischen Frontalanordnung, Groß- oder Kleingruppensettings wählen. Zusätzlich sind immer zwei Klassen durch zwei Türen zusammenschaltbar. So ist ein gemeinsames Arbeiten unterschiedlicher Schultypen und Altersstufen möglich. Darüber hinaus wurde die ehemalige Schule durch einen Zubau im Hof um ein „Schulrestaurant“, eine Bibliothek mit Atrium, eine Spielterrasse mit Freitreppe und Sitzstufen sowie um einen kinder- und spielfreundlichen Freibereich erweitert.

Synergien für Nutzung und Verwaltung

Die drei Schulen können sich in dem neuen Bildungszentrum nun zu einer Einheit entwickeln und die Stadt Leoben muss statt drei nun nur mehr ein Gebäude betreiben bzw. erhalten. Zudem wird weniger Fläche für Sonderunterrichtsräume (Lehrküche, Turnsaal, Werken) benötigt, da sich die Schulen diese ebenfalls teilen. „Wir haben überall Synergien gesucht. Auch Verwaltungsräume werden nun von allen drei Schulen gemeinsam verwendet“, so Caren Ohrhallinger von nonconform. Die gemeinschaftliche Nutzung von Flächen ermöglicht einen intensiveren Gebrauch der Immobilie und damit eine Verringerung der Betriebskosten.

Darum ging Leoben den nonconformen Weg

Aufgrund des wirtschaftlichen Strukturwandels wurden in den letzten Jahren im Rahmen einer Studie der Stadt Leoben alle Schulstandorte aus den Blickwinkeln der Demografie, der Bautechnik, der Ökonomie und der Bildungspolitik betrachtet. Im Stadtteil Donawitz war eines der zwei zukünftigen Bildungszentren für Pflichtschulen vorgesehen, wobei in diesem Gebäude die bestehende Neue Mittelschule, eine Volksschule mit zwei angegliederten sonderpädagogischen Klassen und eine polytechnische Schule zusammengelegt wurden. Den Verantwortlichen der Stadt Leoben ist in der Zeit der Studie bewusst geworden, dass die Schulzusammenlegung und eine „routinemäßige“ Generalsanierung eines Baudenkmals mit dem üblichen Aufteilen überholter Raumnutzungen in alten Gemäuern keine zukunftsfähige Lösung sein kann. Um alle zukünftigen NutzerInnengruppen zu Wort kommen zu lassen, fasste die Stadt den Entschluss, diese komplexe Aufgabe im Rahmen eines partizipativen Prozesses anzugehen, und beauftragte 2013 das Architekturbüro nonconform und die Forschungsplattform schulRAUMkultur.

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