Brettspiele für Architekten und Planer: Bauen und Stadtentwickeln am Spieltisch
Brettspiele für Architekten und Planer haben Konjunktur. Alle Welt geht digital, sollte man meinen. Dabei boomen seit einigen Jahren analoge Spiele: Brettspiele, die die Welt bedeuten. a3BAU hat sich einige angesehen, die eine starke Affinität fürs Planen, Bauen und Stadtentwickeln aufweisen.
Am Ende ist jeder ein Gewinner: Wissens- und Lustgewinn sind garantiert. Vor allem bei jenen Spielen, die einen hohen didaktischen Wert aufweisen und die Realität gut simulieren. Brettspiele haben nicht nur meist einen höheren kommunikativen Benefit als digitale, sie zeichnen sich ferner durch die besondere Haptik aus. Die Spielkriterien haben sich zusehends verfeinert: Heute machen Deckbuilding, Worker Placement, Rondell oder Multi-Use-Karten aus einst simplen Brettspielen nervenaufreibende Strategieaufgaben – da heißt es dann wirklich, Mensch ärgere dich nicht, sondern lerne. Beim Deckbuilding steigert das raffiniert zusammengesetzte Kartenset die eigenen Optionen enorm. Worker Placement meint, eigene Spielfiguren perspektivisch weise auf dem Spielplan mit unterschiedlichen Funktionen zu platzieren. Das Rondell wiederum besagt, dass Figuren oder Karten im Kreis gezogen werden und damit die ausgetüftelte Taktik eventuell rasch abgeändert werden muss, und Multi-Use-Karten sind eben genau das: vielfach einsetzbar.
Brettspiele für Architekten und Planer: Einmal in Manhattan bauen mit „Projekt Skyline“
Das von Florian Mass entwickelte und vom Wiener Spieleverlag Piatnik vertriebene Brettspiel „Projekt Skyline“ lässt Immobilienentwickler-Herzen höherschlagen. Zur Auswahl stehen die Zentren von New York City und Tokyo. Das auf Deckbuilding basierende Spielprinzip hat zum Ziel, möglichst klug gewählte Orte mit eigenen Gebäuden zu besetzen. Anders als in der Realwirtschaft teilt man sich hier allerdings einen Bauplatz, das heißt, es entstehen Wolkenkratzer, die von mehreren Spielern errichtet werden. Entscheidend ist allerdings nicht die Höhe, sondern der Ausbau der obersten Geschosse und die Lage. Denn Punkte gibt es vor allem für die Nähe zu Sehenswürdigkeiten. Die Stadt wird hier noch mit einem klassischen Le-Corbusier-Ansatz verstanden, die Gebiete sind in Erholungsareale, Wohn- und Geschäftsviertel sowie Industriezonen unterteilt. Mit entsprechenden Karten lassen sich viele Etagen errichten und Stadtviertel erschließen.
Das scharfsinnig zusammengestellte Kartenset ist der zentrale Faktor, um beim raschen Besetzen der attraktiven Bauplätze vorne zu sein. Altruistisches Handeln wird nicht belohnt, vielmehr setzt sich durch, wer die Pläne des anderen sabotiert und sich dort einmischt, wo der Gegner seine Stärken entwickelt. Die Spielanleitung ist sehr anschaulich. Man kann zwar zu zweit spielen, aber seine richtige Dynamik entwickelt das Spiel zu viert. Dann wird es richtig eng in Manhattan. Dieser Wettbewerbscharakter versetzt einen direkt in die 1980er Jahre, als die Städte in der westlichen Welt – von Ausnahmen abgesehen – die letzten großen Neubauareale erlebt haben. Heute spielt sich das wohl in Afrika oder Teilen Asiens ab. „Projekt Skyline“ ist charmant und lässt einen dank der einfachen Spielmodi rasch zum Immo-Tycoon werden. Am besten trinkt man nach dem Spiel gemeinsam einen Kräutertee – zur allgemeinen Beruhigung.
Quartiere gedeihen lassen mit „Cities“
Eine etwas komplexere Stadtentwicklung erwartet jene, die das Spiel „Cities“ – im Kosmos Verlag erschienen – vom Entwicklerteam Phil Walker-Harding, Steve Finn und Jorge Tabanera in Angriff nehmen. Hier geht es nicht nur um geschickt platzierte Gebäude, sondern tatsächlich um Quartiersentwicklung: Deshalb ist auch das Spielprinzip komplexer und verknüpft Worker Placement mit vielfältiger Stadtgestaltung. Es gilt, nicht nur Bauland, sondern auch Parks und Wasserflächen aufzuwerten und zu bespielen. Um zu reüssieren, müssen auch Ziele vorgegebener Stadtentwicklungspläne erfüllt werden – da kommt es auf Gebäudetypologien an und mehr. Jede Stadt weist zudem ihr eigenes Profil auf, manche erfordern mehr hohe Gebäude, andere mehr Wasserflächen – so ist die Spielvariation hoch.
Jeder Spieler entwickelt einen eigenen Block von drei mal drei Feldern, die mit Gebäuden, Grünanlagen oder Denkmälern die jeweils charakteristische Urbanität schaffen – so entsteht der eigene Superblock ganz nach dem katalanischen Vorbild der Superilla! Die grafische Gestaltung ist voller liebevoller Details und lässt einen völlig in die Perspektive des Stadtplanungsamtes gleiten. Dabei sind die Spielregeln keineswegs anspruchsvoll. Das Spielvergnügen allerdings währt lange, denn Städtekarten wie Lissabon und Venedig erfordern unterschiedliche Strategien.
Epische Entwicklung mit „My City“
Ebenfalls vom Spieleverlag Kosmos vertrieben ist das von Reiner Knizia entwickelte Spiel „My City“. Dabei geht es darum, in Summe 24 Gebäude auf einem Spielplan zu platzieren, der durch verschiedene topographische Voraussetzungen Chancen und Einschränkungen bietet. Die grundsätzlich einfache Spielweise entfaltet ihre Tücken durch den sogenannten Legacy-Modus. Dabei wird eine Kampagne über acht Kapitel mit jeweils drei Spielen gespielt. Man sollte sich die Spielpartner also vorab genau aussuchen, denn man wird viel Zeit mit ihnen verbringen. Diese Kapitel haben unterschiedliche Themen wie „Überschwemmung“ oder „Industrialisierung“ und geben damit schon die jeweilige Ausrichtung vor. Dadurch verändert sich der Spielplan während des Spielens mitunter gewaltig. Was in einer Kampagne von Vorteil sein kann, erweist sich in der nächsten als Nachteil.
Diese Entwicklung simuliert auf spannende Weise tatsächlich die Stadtentwicklung, denn erst mit dem Goldrausch werden die Berge so richtig interessant und in der Folge die gute Anbindung an die Stadt durch die Eisenbahn. Obwohl die reizvoll gestalteten Gebäudeteile simpel erscheinen, erfordert der Mechanismus des Aneinanderfügens der einzelnen Gebäude jedes Mal ganz neue Stadtbilder – so wie ja auch in der Stadtentwicklung etwa Industrieanlagen eine Hochzeit erfahren haben, dann jedoch eher im Weg sind; so ähnlich fühlt es sich bei diesem Brettspiel mit ganz eigener Spielmechanik jedenfalls an. Zusätzlich gibt es eine Brettspielseite, die dauerhaft bespielt werden kann. Gerade der Aufbaucharakter in der Legacy-Variante macht jedoch aus „My City“ eine abwechslungsreiche und wirklich fordernde Aufgabe für lange Winterabende mit überraschender Spieltiefe.
Brettspiele für Architekten und Planer: Gamification für kommunale Visionäre mit „Stadt machen digital“
Spielerisch ernst wird es mit „Stadt machen digital“, das von der Wüstenrot Stiftung herausgegeben und von der Urbanizers eG aus Berlin entworfen wurde. Hier wird tatsächlich anhand eines analogen Dialogspiels die Digitalisierung verhandelt. Hervorgegangen ist das Spiel aus dem Forschungsprojekt „Räume neu gestalten. Kommunale Entwicklungsstrategien im digitalen Zeitalter“ (2022–2025). In der fiktiven Kleinstadt Horizontheim nehmen die Spieler archetypische Rollen an, die sich – von Eigeninteressen getrieben – in die Stadtentwicklung einmischen. Dabei greifen unterschiedliche Szenarien, die alles andere als fiktiv sind: Demographischer Wandel, Outsourcing, Klimawandel und andere Themen bestimmen die Lokalpolitik. Jedes Szenario verlangt nach einer Diskussion im Arbeitskreis, die Spieler simulieren also den kommunalen Alltag im digitalen Wandel. Dazu gehören eben auch Dominoeffekte oder limitierte Ressourcen. Die realistische Auslegung zeigt auch die unerwünschten Nebenwirkungen mancher kommunalen Maßnahme.
Zugleich beweist „Stadt machen digital“, wie wichtig Gamification sein kann, um Systemzusammenhänge besser zu verstehen. Soll etwa ein Bauteilkreisel eingerichtet werden? Dieser erhöht schließlich die Kreislaufwirtschaft! Oder soll der Fokus doch besser auf das Wasserradar gerichtet sein? Denn damit lassen sich Geodaten, Sensortechnik und Echtzeitdaten ideal kombinieren, um über die Befindlichkeiten des Wassers und der Böden besser Bescheid zu wissen. Wenn das nicht so viele Ressourcen binden würde! Denn das kostet nicht nur Geld, auch Personal ist dabei wesentlich mehr nötig als beim Bauteilkreisel, der schließlich auch einen kleinen hoffnungsvollen Effekt für die ressourcengeplünderte Erde hat.
Zudem haben alle Maßnahmen Konsequenzen für die Faktoren Smart-City-Qualität, Klimavorbildwirkung, soziale Teilhabe, gesundes Leben oder auch für den „Weltblick“, also Werkzeuge, die zwar eine längere Umsetzungsdauer beanspruchen, dafür aber langfristig global Wirkung zeigen, und zwar weit über Horizontheim hinaus.
Das Ganze im Visier: das Weltklimaspiel
Klimawandel ist eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts und verlangt auch innovative Bildungsansätze. Das „Weltklimaspiel“ gilt als Best-Practice-Beispiel dafür: Es simuliert internationale Klimaverhandlungen, in denen Teilnehmende Rollen wie politische Entscheidungsträger, Wirtschaftsakteure oder Vertreter der Zivilgesellschaft übernehmen – und bedenkt damit viele Aspekte, die für die Bauwirtschaft relevant sind oder es noch werden. Die hybride Simulation basiert auf wissenschaftlich fundierten Klima- und Wirtschaftsdaten und veranschaulicht die Wechselwirkung von menschlichem Handeln, Ökosystemen und globaler Politik. Das aktuelle Forschungsprojekt „Serious Games als Werkzeug für partizipative Stadtentwicklung“ der Universität Augsburg untersucht den Einsatz von spielebasierten Methoden und einer datenbasierten Auswertung menschlicher Entscheidungen. Ziel ist es, durch Förderung von klimabewusstem Handeln auch bei Behörden und bei Unternehmen der Baubranche und nicht nur in Schulen eine zukunftsgerichtete Handlungsweise insbesondere für die urbane Klimaresilienz zu unterstützen.
Die Studie mit über 700 Teilnehmenden zeigt: Das Spiel stärkt Umweltbewusstsein, politisches Verständnis sowie soziale Kompetenzen wie Kooperations- und Verhandlungsfähigkeit. Methodisch stützt es sich auf transformative Bildung und eine globale Zivilgesellschaft; die Ergebnisse belegen, dass es zu kritischer Reflexion und der Entwicklung nachhaltiger Lösungen anregt. Damit verknüpft das – enorm zeitintensive! – Weltklimaspiel Wissen, Identifikation und Handlungskompetenz – ein Beleg für die Bedeutung interaktiver Lernformate und ein Impuls für die Weiterentwicklung von „Serious Games“ im Bildungskontext.
Schon diese Bezeichnung macht deutlich: Nichts ist so ernst wie ein gutes Spiel.
Webtipps: alle Links zum Artikel
- Forschungsprojekt „Räume neu gestalten“ und Strategiespiel „Stadt machen digital“Wüstenrot Stiftunghttps://wuestenrot-stiftung.de/raeume-neu-gestalten/#Bretts11
- „Cities“Kosmos Verlaghttps://www.kosmos.de/products/cities
- „My City“Kosmos Verlaghttps://www.kosmos.de/en/products/my-city
- „Projekt Skyline“Piatnikhttps://www.piatnik.com/spiele/gesellschaftsspiele/strategiespiele/project-skyline
- „Weltklimaspiel“Weltklimaspielhttps://www.weltklimaspiel.org/
- Forschungsprojekt „Serious Games als Werkzeuge für partizipative Stadtentwicklung“Universität Augsburg, Lehrstuhl für Urbane Klimaresilienzhttps://www.uni-augsburg.de/de/fakultaet/fai/geo/prof/lehrstuhl-fur-urbane-klimaresilienz/forschungsprojekte/serious-games-als-werkzeuge-fur-partizipative-stadtentwicklung/