Digitale Resilienz: Was die Bauindustrie jetzt braucht
Europäische Unternehmen müssen digital souverän werden. Dieses Credo hat mittlerweile auch die Bauindustrie erreicht. Regulatorische Unsicherheiten, Abhängigkeiten von Plattformanbietern und steigende Lizenzkosten setzen besonders kleine und mittlere Unternehmen (KMU) zunehmend unter Druck. Eine vollständige Unabhängigkeit von außereuropäischen Anbietern ist für die meisten KMU operativ jedoch nicht umsetzbar. Wirtschaftlicher und in der Praxis leichter umsetzbar ist digitale Resilienz. Damit bleiben Bauunternehmen handlungsfähig, auch wenn sich die Umstände verändern.
Abhängigkeit in Zahlen
Wie groß der Handlungsdruck ist, zeigt die A1 Business Studie 2026 zur digitalen Souveränität, für die das Marktforschungsinstitut Integral 300 Entscheiderinnen und Entscheider aus österreichischen Unternehmen ab 50 Beschäftigten befragt hat: 77 Prozent bezeichnen ihr Unternehmen als stark oder eher abhängig von digitalen Technologien, 43 Prozent erwarten, dass diese Abhängigkeit in den kommenden zwölf Monaten weiter zunimmt. 81 Prozent nutzen bereits Cloud-Lösungen – und 55 Prozent würden den Anbieter wechseln, wenn ihre Daten außerhalb der EU gespeichert werden.
Gleichzeitig klafft eine deutliche Lücke zwischen Anspruch und Umsetzung. 71 Prozent halten digitale Souveränität für wichtig oder sehr wichtig, eine umgesetzte Strategie haben aber erst zwölf Prozent. 25 Prozent stecken in der Umsetzung, 29 Prozent in der Planung. Als größte Hürden nennen die Befragten fehlende personelle Ressourcen (61 Prozent), finanzielle Einschränkungen (55 Prozent) und den sogenannten Vendor Lock-in (53 Prozent). Genau hier setzt der Gedanke der Resilienz an: Sie verlangt kein Großprojekt, sondern lässt sich Schritt für Schritt aufbauen.
Wenn Systeme wild wachsen
Am besten wäre es, wenn Abhängigkeiten gar nicht erst entstehen. In neuen IT-Landschaften wird das auch berücksichtigt. Bauunternehmen blicken jedoch oft auf eine lange Geschichte zurück, die von Wachstum und Entwicklung geprägt ist. Das spiegelt sich auch in der Systemlandschaft: Cloud-Dienste, Standardsoftware, branchenspezifische Anwendungen und individuelle Prozesse sind über Jahrzehnte gewachsen, um mit den Anforderungen des Unternehmens Schritt zu halten.
Diese historisch gewachsenen Strukturen entstehen, wenn schnell pragmatische Lösungen gebraucht werden, wenn Projekte unter Zeitdruck vorangetrieben werden müssen oder einzelne Teams eigene Prozesse etablieren. Dieses Vorgehen ist zunächst harmlos und funktioniert in der Praxis gut, weil es die Bedürfnisse der Teams deckt. Problematisch wird es, wenn schlagartig Änderungen notwendig werden.
Kritische Schwachstellen legen das System lahm
Geschäftskritische Abhängigkeiten entstehen weder über Nacht noch mit Absicht. Sie sind das Resultat aus Wachstum und Pragmatismus. So werden beispielsweise Vertriebs- oder Projektdaten jahrelang in Excel-Listen gespeichert. Verschiedene Teams entwickeln mit der Zeit eigene Makros und individuelle Synchronisationen, die Datenbestände driften auseinander. Einzelne Mitarbeiter werden zu Schlüsselpersonen, weil sich das Wissen bei ihnen konzentriert. Das geht so lange gut, bis der Mitarbeiter ausfällt oder ein einheitlicher, aktueller Datenbestand gebraucht wird.
Wenn Kernprozesse in undurchsichtigen Strukturen laufen und niemand versteht, wie sie genau funktionieren, weiß auch niemand, wovon sie abhängen. So entstehen digitale Abhängigkeiten.
Was das im Bau konkret heißt: Typische Abhängigkeiten liegen etwa bei BIM-Software und gemeinsamen Datenumgebungen, in denen Planungs- und Projektdaten aller Beteiligten zusammenlaufen, bei AVA- und Kalkulationsprogrammen, deren Leistungsverzeichnisse und Preisdaten über Jahre gewachsen sind, oder bei Projektdaten, die mit ARGE-Partnern und Subunternehmern geteilt werden. Sind solche Systeme so tief in die Abläufe eingebunden, dass Daten, Formate und Schnittstellen nur noch beim jeweiligen Anbieter funktionieren, spricht man von einem Vendor Lock-in: Ein Wechsel wird so aufwendig und teuer, dass der Anbieter Preise und Bedingungen faktisch diktieren kann.
Risken priorisieren
Nicht jede Abhängigkeit ist geschäftskritisch. In der Debatte um digitale Souveränität werden jedoch zunächst alle Abhängigkeiten als fatal dargestellt. Diese Rhetorik schürt Angst und verstärkt die Unsicherheit in der Baubranche. Sinnvoller ist es, Abhängigkeiten nach Risiko zu priorisieren.
Dabei gilt es herauszufinden, wie kritisch ein System für den Geschäftsbetrieb ist und wie realistisch ein Wechsel wäre. Daraus ergibt sich eine Kategorisierung in kritische und weniger kritische Abhängigkeiten. Weniger kritische Abhängigkeiten müssen nicht sofort adressiert werden. Akuter Handlungsbedarf besteht dort, wo Systeme betriebskritisch, aber schwer zu tauschen sind.
Hier gilt es, Risiken sichtbar zu machen und Wissen zu dokumentieren, um die Transparenz zu erhöhen. Kleine und mittlere Unternehmen sollten sich darauf konzentrieren, eine langfristige Migrations- oder Exit-Strategie vorzubereiten, um die Abhängigkeit zu beseitigen oder zumindest zu verringern. Gleichzeitig sollten Schnittstellen abgesichert und regelmäßig Backups erstellt werden, um die Geschäftskontinuität auch kurzfristig zu schützen.
Wie schnell eine solche Abhängigkeit zum Kostenfaktor wird, zeigt das Beispiel VMware. Die Virtualisierungssoftware ist in vielen Unternehmen im Einsatz. Nach der Übernahme durch Broadcom wurde der Verkauf unbefristeter Lizenzen Ende 2023 eingestellt, seither gibt es nur noch Abonnements, abgerechnet pro Prozessorkern. Gartner-Analyst Paul Delory bezifferte die typische Steigerung der Lizenzrechnungen im Mai 2026 mit 300 bis 400 Prozent, Mitglieder des europäischen Cloud-Verbands CISPE meldeten der EU-Kommission Anstiege von 800 bis 1.500 Prozent. Wer nicht verlängert, verliert das Nutzungsrecht – und eine Migration auf ein anderes System dauert laut Branchenschätzungen sechs bis 18 Monate (Quellen: Gläser IT-Solutions, Block 64).
Systeme, die zwar kritisch, aber leicht tauschbar sind, bieten einen ersten Ansatzpunkt, um die Resilienz kurzfristig zu steigern. Erst wenn kritische Abhängigkeiten beseitigt sind, sollten sich KMU mit weniger kritischen Systemen auseinandersetzen, um nicht unnötig Ressourcen zu binden, die an anderer Stelle dringender gebraucht werden.
Digitale Resilienz in der Praxis
Resilienz aufzubauen bedeutet konkret, eine IT-Landschaft zu schaffen, die Unternehmen dabei unterstützt, langfristig handlungsfähig zu bleiben. Diese Handlungsfähigkeit hängt nicht nur von den gewählten Systemen ab. Sie umfasst eine rechtliche, eine technische, eine operative und eine datenbezogene Ebene.
Rechtlich geht es vor allem darum zu klären, wo Zuständigkeiten und Verantwortung liegen. Unternehmen müssen Nachvollziehbarkeit schaffen und wissen, wo sensible Daten liegen, wer darauf zugreifen darf und welche regulatorischen Anforderungen einzuhalten sind.
Technisch ist es wichtig, dass Systeme langfristig veränderbar bleiben, um die Anforderungen des Unternehmens kontinuierlich zu erfüllen. Im Fokus stehen dabei Schnittstellen, dokumentierte Prozesse, die Integrationsfähigkeit sowie die Kontrolle darüber, welche Funktionen eine Software umfasst.
Die beste Technologie hilft jedoch nicht, wenn sie in der Praxis nicht oder nicht richtig eingesetzt wird. Die operative Ebene ist deshalb wichtiger, als vielen Verantwortlichen zunächst bewusst ist. Hier geht es auch darum, Wissen gleichmäßig zu verteilen und Prozesse nicht von einzelnen Personen abhängig zu machen.
Schließlich müssen Unternehmen sicherstellen, dass ihre Daten konsistent, langfristig nutzbar und nachvollziehbar bleiben. Das gelingt durch einheitliche Datenformate, Backups und eine entsprechende Architektur der Cloud-Dienste.
Was Bauunternehmen resilient macht
Unternehmen, die diese vier Ebenen in ihre IT-Landschaft einbinden, schaffen echte Resilienz. Dabei geht es nicht darum, Software externer Anbieter vollständig zu eliminieren. Wichtiger ist es, Modularität und Transparenz zu schaffen, Schnittstellen und Prozesse zu dokumentieren und Veränderbarkeit sicherzustellen. So gelingt es KMU, Einzelabhängigkeiten aufzulösen und langfristig handlungsfähig zu bleiben.
Mit offenen Plattformen und Open-Source-Technologien sinkt das Risiko eines Vendor Lock-in zusätzlich. Doch auch diese Technologien kommen nicht ohne Governance aus.
Diesen Weg schlagen bereits viele Unternehmen ein: Laut A1-Studie setzen 64 Prozent der befragten Betriebe auf europäische Anbieter, 54 Prozent auf Open-Source-Lösungen und 39 Prozent bauen eigene Kompetenzen aus. Auch die Politik hat das Thema aufgegriffen: Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer und Digitalisierungsstaatssekretär Alexander Pröll sehen in den Ergebnissen einen Auftrag für die Industriestrategie 2035.
Resilienz ist kein reines IT-Thema. Sie betrifft die gesamte Organisation und ist nur dann erfolgreich, wenn auch auf operativer Ebene danach gehandelt wird. Dazu gehört es, kritische Abhängigkeiten aufzudecken, sinnvoll zu priorisieren, Veränderbarkeit langfristig mitzudenken und so die organisatorische Belastbarkeit zu erhöhen. Während digitale Souveränität oft als großes, ganzheitliches Transformationsprojekt gesehen wird, entsteht Resilienz durch viele kleine Anpassungen, die für KMU deutlich greifbarer und einfacher umsetzbar sind.
Resilienz ist eine strategische Ausrichtung, die Unternehmen Betriebssicherheit gibt und verhindert, von Dritten abhängig zu werden. Damit kommen KMU der digitalen Souveränität Schritt für Schritt näher.
Zum Autor: Klaus Röder ist Mitbegründer und geschäftsführender Gesellschafter der Novabit Informationssysteme GmbH und verantwortet dort die Bereiche Finanzen, Human Resources und Organisation. Er studierte Informatik mit Nebenfach Wirtschaftswissenschaften an der Technischen Universität München und beschäftigt sich insbesondere mit Künstlicher Intelligenz und Cloud-Technologien.