Kreislaufwirtschaft am Bau: Studie zeigt ungenutzte Potenziale
Kreislaufwirtschaft am Bau hat in Österreich ein großes, bislang wenig genutztes Potenzial. Zu diesem Ergebnis kommt die Potenzialstudie „kreislaufwirtschaft:bauen“, die das Institut für Hoch- und Industriebau (Prof. Iva Kovacic) und das Institut für Wassergüte und Ressourcenmanagement (Prof. Helmut Rechberger) der TU Wien auf Initiative von Strabag erstellt haben. Grundlage sind Datenanalysen zu Baustoffströmen, Experteninterviews sowie Beispielrechnungen zu CO₂-Emissionen und Lebenszykluskosten. Daraus leiten die Autorinnen und Autoren neun Handlungsempfehlungen für Politik, Verwaltung und Branche ab.
Hintergrund ist das Ziel der Klimaneutralität bis 2040. Laut Studie müssten die Emissionen dafür jährlich um mindestens sieben Prozent sinken. Werden die Klimaziele bis 2030 verfehlt, drohen Österreich Ausgleichszahlungen von bis zu 5,9 Milliarden Euro.
Kreislaufwirtschaft am Bau: Das Materiallager wächst
Die Bauwirtschaft ist der größte Materialverbraucher des Landes. Sie verwendet laut Studie 79 Prozent des Holzes, 77 Prozent der Kunststoffe und 88 Prozent des Aluminiums, die in Österreich eingesetzt werden. Der Baustoffinput stieg von 58 Millionen Tonnen im Jahr 2010 auf 88 Millionen Tonnen im Jahr 2024. Der Einsatz von Kies und Sand hat sich in diesem Zeitraum auf 40 Millionen Tonnen verdoppelt, jener von Stahl stieg von 1,4 auf 4,1 Millionen Tonnen. Das im Gebäude- und Infrastrukturbestand gebundene Materiallager wächst jährlich um rund 77 Millionen Tonnen.


Recycling: hohe Quoten, begrenzte Qualität
2024 fielen rund elf Millionen Tonnen Bau- und Abbruchabfälle an. 78 Prozent davon wurden stofflich verwertet, neun Prozent deponiert. Bei Beton und Asphalt liegt die Verwertungsquote bei etwa 95 Prozent, bei Mauerwerk bei 68 bis 70 Prozent. Allerdings erreichen nur 65 Prozent des Outputs der Recyclinganlagen die höchste Qualitätsklasse U-A. Die Studie kritisiert, dass die geltenden Qualitätskriterien sauberes, sicheres und stabiles Sekundärmaterial oft früher als notwendig aus dem Kreislauf nehmen.
Bodenaushub als größte Lücke
Mit rund 38 Millionen Tonnen macht Bodenaushub 57 Prozent des gesamten österreichischen Abfallaufkommens aus. Technisch verwertbar wären bis zu 90 Prozent, tatsächlich verwertet werden 21 Prozent, rund 60 Prozent landen auf Deponien. Die Zahl der Bodenaushubdeponien hat sich in den vergangenen 20 Jahren auf 949 (Stand 2024) verdoppelt. Leicht verunreinigtes Material gilt rechtlich als Abfall und darf nicht wiederverwertet werden, obwohl eine Aufbereitung technisch möglich wäre.
Re-Use und Lebenszykluskosten
Größere Einsparungen sieht die Studie in der Wiederverwendung von Bauteilen. Bei wiederverwendeten Stahlträgern ergab ein Schweizer Beispielprojekt eine CO₂-Einsparung von 91 Prozent; die Träger waren bis zu 20 Prozent günstiger als Neuware und ab drei bis sechs Stück wirtschaftlich. Allein in Wien stehen laut Studie rund 1,2 Millionen Quadratmeter Eichen-Stabparkett für eine Wiederverwendung zur Verfügung. Beispielrechnungen zu den Lebenszykluskosten zeigen für ein kreislaufoptimiertes Bürogebäude 1.241 statt 1.817 Euro pro Quadratmeter, für eine Schule 686 statt 908 Euro.
Die österreichische Bauwirtschaft ist noch weit davon entfernt, flächendeckend zirkulär zu bauen. Das Schließen von Materialkreisläufen wird zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor für die Zukunft unserer Branche“, sagt Stefan Kratochwill, CEO Strabag.
Kreislaufwirtschaft am Bau: neun Empfehlungen
- Qualitätskriterien: praxistaugliche, wissenschaftlich hergeleitete Kriterien für Recycling-Material
- Recyclingmethoden: selektiver Rückbau und neue Aufbereitungstechnologien für komplexer zusammengesetzte Baurestmassen
- Bodenaushub: mehr regulatorischer Spielraum für die Verwertung, langfristig eine europäische Regelung
- Gebäuderessourcenpass: verpflichtend für Neubauten, größere Sanierungen und öffentliche Gebäude, kompatibel mit dem EU-Produktpass
- Re-Use-Check: verpflichtende Prüfung vor größeren Rückbauvorhaben, angelehnt an die deutsche DIN SPEC 91484; die ÖNORM B 3151 regelt bisher nur Recycling
- Öffentliche Beschaffung: verbindliche Zirkularitätsquoten statt Freiwilligkeit, etwa nach dem Vorbild des Wiener „Zirkularitätsfaktors“
- Förderung: gezielte Mittel für Forschung, Pilotanlagen und erste industrielle Umsetzungen
- Rezertifizierung: standardisierte Prüfverfahren für Re-Use-Bauteile zu Tragfähigkeit, Brandschutz, Schadstofffreiheit und Dauerhaftigkeit
- Baukultur: ein Umdenken, das Sekundärmaterial nicht pauschal als minderwertig einstuft
