Innovation zwischen Baustelle und Big Data bei den 6. Österreichischen Bautagen
Gemeinsam mit Moderator Andreas Hladky erörterten Gernot Wagner (Geschäftsführer Porr), Bengt Steinbrecher (Head Holcim Maqer Ventures), Tobias Hofer (nexyo GmbH) und Oliver Lorenz (Geschäftsführer Hilti Österreich) in einer Panel-Diskussion am ersten Tag der 6. österreichischen Bautage die zentrale Herausforderung, vor der die Branche heute steht: Wie können technische Innovationen tatsächlich auf der Baustelle ankommen und Mehrwert schaffen?
Im Panel Talk wurde deutlich, wie unterschiedlich die drei großen Player der Baubranche an das Thema Innovation herangehen.
Die große Kluft zwischen Vision und Baustellenrealität
Moderator Andreas Hladky eröffnete die Diskussion mit der Feststellung: „Die Realität ist, dass bei den Unternehmern Probleme bestehen, die Datenhaushalte in den Griff zu bekommen, so etwas wie Data Governance einzusetzen, Data Quality sicherzustellen, überhaupt Zuständige zu haben, die für Prozesse und deren Digitalisierung zuständig sind. Was ist denn ein guter Einstieg für Unternehmen diese Themen anzugehen?"
Der Angstfaktor Datenschutz als Innovationshemmer
Tobias Hofer von nexyo identifizierte ein grundlegendes Problem im Umgang mit Daten: „Uns ist gelehrt worden, dass man mit der DSGVO aufpassen muss. Man darf nichts rausgeben und soll lieber gar nichts machen, weil das nur Probleme macht." Diese Angst müsse überwunden werden, um die innovativen Potenziale der Digitalisierung zu nutzen.
Datenökosysteme als Chance für KMUs
Hofer sieht in der gemeinsamen Datennutzung die zentrale Zukunftschance für die österreichische Bauwirtschaft. "Daten sind nicht das neue Gold, weil die werden nicht weniger, wenn ich sie teile", betont er. Statt Daten zu horten, plädiert er für offene, interoperable Datenökosysteme, die besonders für kleine und mittlere Unternehmen entscheidend sein können. Da KMUs sich in der Regel keine eigenen Data Scientists leisten können, ermöglichen gemeinsame Datenplattformen und föderierte Kataloge, dass auch kleinere Player von der innovativen Kraft der Digitalisierung profitieren. Über ein "Konnektorenkonzept" können bestehende Systeme vertragsbasiert verbunden werden, ohne aufwendige Umstellungen.
Dabei entstehen nicht nur technische Lösungen, sondern auch neue Geschäftsmodelle: Software und Datenservices werden zu monetarisierbaren Produkten, bei denen alle Beteiligten profitieren. Die praktische Umsetzbarkeit beweist Hofer mit konkreten Beispielen wie einer App für Tischler, die Wendeltreppen automatisch vermisst und Zuschnitte berechnet. Mit der Data Intelligence Offensive (DIO) als neutralem Player und der Verankerung von Datenökosystemen in der EU-Datenstrategie sieht er den regulatorischen Rahmen bereits gegeben - nun gelte es, die Angst vor Datenteilung zu überwinden und gemeinsam Mehrwert zu schaffen.
Pragmatische Sichtweise und Speedeboats im Einsatz für Innovation
Gernot Wagner, Geschäftsführer der Porr Bau GmbH, unterstrich, dass Innovation für Porr vor allem auf den realen Bedürfnissen der Baustellen basiert. Die Impulse kommen von den Mitarbeitenden vor Ort, deren praktische Herausforderungen direkt in die Entwicklung neuer Lösungen einfließen. Porr setzt dabei bewusst nicht auf kurzlebige Standard-Software, sondern auf maßgeschneiderte, langfristig stabile Systeme, die exakt auf den Baustellenalltag abgestimmt sind.
So vertrat er in der Diskussion die kritisch-pragmatische Perspektive der Baustellenrealität. Denn digitale Innovationen erreichen die Menschen auf der Baustelle oft einfach nicht. "Erklär das bitte mal den Leuten, die draußen auf der Baustelle tagtäglich beim Regen, bei Schnee, bei Eis etwas bauen müssen", fordert er auch diesen Blickwinkel ein - Porr sei mittlerweile der größte Post-it-Käufer Österreichs, fügt er scherzhaft an, „weil Bauarbeiter lieber Zettel kleben als Apps bedienen.“ Wagner kritisierte außerdem strukturelle Probleme wie das veraltete Bildungssystem, eineinhalb Jahre dauernde Baubewilligungen und die soziale Schieflage zwischen Homeoffice-Privilegierten und Bauarbeitern. Seine Warnung: Start-ups mit Millionenfinanzierung wollen letztlich Geld verdienen - bezahlen müsse das am Ende die Bauwirtschaft. Innovation ohne disruptiven Ansatz fürs Bauen sei nur eine "nette Randerscheinung". Trotzdem oder genau deshalb experimentiert Porr mit "Speedboats" - kleinen, flexiblen Einheiten, die drei bis fünf Monate an Innovationen arbeiten.
Bengt Steinbrecher, Head of Holcim Maqer Ventures, ergänzte die Diskussion um eine weitere Perspektive: Holcim investiert systematisch in Startups, die bereits Venture-Capital-finanziert und damit validiert sind. Der Fokus liegt darauf, junge Unternehmen einzubinden, die ihre Lösungen bereits erfolgreich am Markt erprobt haben. Innovation entsteht hier also durch das Fördern, Skalieren und Integrieren externer Technologie-Partner, nicht primär durch interne Entwicklung.
Er propagierte Open Innovation als europäischen Weg. Da Holcim nicht bereit sei, "jedes Jahr ein zweistelliger Millionenbetrag in digitale Lösungen zu investieren", setzt man hier auf Kooperationen mit Start-ups für 5.000-15.000 Euro pro Pilotprojekt. Die Start-ups bringen bereits Millionen-Investments mit, Holcim bietet als Gegenleistung Zugang zu 10.000 Baustellen täglich. Seine Philosophie: "Innovation, das kann ein Einzelner machen für wirklich eine Veränderung, Change, die Transformation braucht es eigentlich das Ökosystem." Der demografische Wandel erhöhe den Druck - mit einem Durchschnittsalter von 58 Jahren bei Zementwerksmanagern müssten die Alarmglocken losgehen. Entscheidend bleibe aber der Business Case: Keine Baustelle wende etwas an, wenn es nichts bringe und Geld koste.
Keine selbst kreierten Excel Lösungen
In diesem Zusammenhang bestätigte auch Oliver Lorenz (Hilti Österreich) die Notwendigkeit klarer Strategien professionellen Change Managements.
Er präsentierte einen weiteren und gegensätzlichen Ansatz. Hilti setzt konsequent auf skalierbare Standardlösungen, die weltweit ausgerollt und betrieben werden können. Dabei greift das Unternehmen gezielt auf bestehende, etablierte Plattformen und Lösungen zurück. Hinter dieser Strategie steht die Überzeugung, dass globale Standards Effizienz, Zuverlässigkeit und nahtlose Integration ermöglichen.
Hilti habe frühzeitig eine Softwarestrategie entwickelt und kombiniere Eigenentwicklungen mit gezielten Akquisitionen wie Fieldwire oder 4PS. Seine Kritik: "Niemand kommt heutzutage noch auf die Idee eine Excel-Lösung selbst zu entwickeln. In der Bauwirtschaft habe ich aber manchmal das Gefühl, dass wir genau das versuchen." Für erfolgreiche Transformation könnten die Hintergründe "nicht oft genug erklärt" und 60% der Mitarbeitenden müssten im Mittelfeld mitgenommen werden - die 20% Early Adopters reichten nicht. Entscheidend sei, international skalierbare Standardlösungen zu schaffen statt individueller Insellösungen. Der Schlüssel liege in hartem Change Management mit langem Atem und kontinuierlicher Messung der Nutzung.
Ein langer Weg mit ersten Erfolgen
Andreas Hladky schloss die Diskussion mit einer versöhnlichen Note: „Wir haben ein Spektrum von Vision und Realität betrachtet und thematisiert. Wir haben auch einen Blick auf die Strukturprobleme geworfen, die es gibt in Österreich und in Europa, das merkt man ja überall, das ist auch in der Bevölkerung angekommen."
Die Diskussion bei den österreichischen Bautagen zeigte deutlich: Die digitale Transformation der Bauwirtschaft ist ein komplexer Prozess zwischen technologischen Möglichkeiten, strukturellen Herausforderungen und menschlichen Realitäten. Während innovative Ansätze wie Datenökosysteme und Startup-Kooperationen neue Wege aufzeigen, bleiben die Herausforderungen der praktischen Umsetzung auf der Baustelle, des Change Managements und der strukturellen Rahmenbedingungen bestehen. Der Erfolg wird davon abhängen, ob es gelingt, alle Akteure des Ökosystems mitzunehmen und Innovationen zu schaffen, die tatsächlich Mehrwert für die Menschen auf der Baustelle generieren.
Weitere Infos und Fotos finden Sie auf www.bautage.at