Wiener Wohnungsmarkt unter Druck: ÖHGB fordert mehr Objektivität und Reformen im sozialen Wohnbau
Die Aussagen der neuen Wohnbaustadträtin Mag. Elke Hanel-Torsch sorgen auf Vermieterseite für scharfe Kritik. Die Forderung nach strengeren Mietobergrenzen, Strafen für Vermieter und die Verharmlosung des rückläufigen Investitionsvolumens beim Neubau sowie bei Sanierungen gehen an den tatsächlichen Problemen, die im Wiener Wohnungsmarkt herrschen, vorbei und drohen, die Lage weiter zu verschärfen. In einer Aussendung des ÖHGB heißt es dazu: "Offensichtlich ignoriert die Wohnbaustadträtin die Situation vieler privater Mehrparteienhausbesitzer, die seit Jahren keine Valorisierung der Mieten durchführen konnten. Wenn Hanel Torsch in diesem Zusammenhang davon spricht, dass man mit Vermietung gut verdient, so ist dies realitätsfern. Viele Vermieter kämpfen durch die steigenden Kosten für Instandhaltung und Sanierung, ihre Immobilie zu erhalten." ÖHGB-Präsident RA Dr. Martin Prunbauer fasst zusammen, was die neue Wohnbaustadträtin mit ihren Forderungen bewirkt: „Wie ruiniere ich den Mietmarkt und schade den Mietern, um kurzfristig mit populistischen Stereotypen zu punkten?“
Ein zentraler Kritikpunkt betrifft das sinkende Investitionsvolumen im Wohnbau. Sowohl bei Neubauten als auch bei Sanierungen ist laut ÖHGB ein deutlicher Rückgang zu beobachten. Bereits jetzt zeigen sich die Auswirkungen: Die Zahl der Baubewilligungen ist um rund 40 Prozent gesunken. Für Wohnungssuchende könnte sich die Situation dadurch in den kommenden Jahren weiter verschärfen.
Gleichzeitig sehen sich viele private Vermieter steigenden Kosten gegenüber – etwa bei Instandhaltung, Sanierung sowie laufenden Gebühren für Wasser, Müll oder Energie. Während öffentliche Abgaben regelmäßig valorisiert werden, konnten viele Mieten in den vergangenen Jahren nicht angepasst werden.
Ungleichgewicht zwischen privatem und öffentlichem Sektor am Wiener Wohnungsmarkt
Der ÖHGB hebt zudem strukturelle Unterschiede zwischen dem privaten und dem öffentlichen Mietsektor hervor. Während private Vermieter ihre Einnahmen versteuern müssen, ist der öffentliche Wohnbau steuerlich begünstigt. Diese Rahmenbedingungen führen laut Interessenvertretung zu Wettbewerbsverzerrungen und setzen den privaten Mietmarkt zusätzlich unter Druck.
Dabei spielt der öffentliche Sektor in Wien eine zentrale Rolle: Rund 60 Prozent des Mietwohnungsbestands entfallen auf kommunale oder geförderte Wohnungen. Trotz dieses hohen Anteils gelingt es laut ÖHGB nicht ausreichend, einkommensschwächere Haushalte gezielt zu versorgen.
Fehlbelegung im sozialen Wohnbau als Schlüsselfrage
Ein wesentlicher Diskussionspunkt ist die sogenannte Fehlbelegung im sozialen Wohnbau. Laut Daten der Statistik Austria lebt ein erheblicher Anteil einkommensstarker Haushalte in geförderten Wohnungen. Konkret sollen rund 40 Prozent der Haushalte mit überdurchschnittlichem Einkommen in Gemeinde- oder Genossenschaftswohnungen wohnen.
Dies habe zur Folge, dass einkommensschwächere Personen vermehrt auf den privaten Mietmarkt ausweichen müssen. Mehr als die Hälfte der Haushalte mit niedrigen Einkommen finde derzeit keinen Zugang zu gefördertem Wohnraum.
Internationale Empfehlungen und Reformansätze
Auch internationale Organisationen wie die OECD sehen Reformbedarf. Empfohlen werden unter anderem:
- strengere Zugangskriterien für den sozialen Wohnbau
- regelmäßige Überprüfung der Einkommensverhältnisse
- einkommensabhängige Anpassung der Mieten
Der ÖHGB unterstützt diese Ansätze und plädiert für ein System, bei dem höhere Einkommen auch innerhalb des sozialen Wohnbaus zu entsprechend höheren Mieten führen. Dadurch könnten zusätzliche Mittel generiert werden, um gezielt bedürftige Haushalte zu unterstützen.
Wohnkosten im europäischen Vergleich stabil
Interessant ist zudem der Blick auf die Wohnkostenbelastung: Diese liegt in Österreich laut Statistik Austria seit Jahren relativ konstant bei rund 19 Prozent des Haushaltseinkommens und damit unter dem europäischen Durchschnitt.
Fokus auf strukturelle Lösungen statt zusätzlicher Regulierung
Im Zuge der politischen Diskussion – unter anderem rund um strengere Mietobergrenzen und Regulierungen – mahnt der ÖHGB, den Fokus stärker auf strukturelle Probleme zu legen. Dazu zählen insbesondere:
- die effiziente Steuerung des sozialen Wohnbaus
- die Aktivierung von Neubau und Sanierung
- sowie faire Rahmenbedingungen für alle Marktteilnehmer
Nur durch ein ausgewogenes Zusammenspiel von öffentlichem und privatem Wohnungsangebot könne die Versorgung langfristig gesichert werden.