Baugewerbe ist zweitstärkster Insolvenztreiber
Das Baugewerbe verzeichnete in den ersten drei Quartalen 2026 laut aktueller KSV1870-Hochrechnung 719 Firmeninsolvenzen (– 0,3 %) und liegt damit an zweiter Stelle aller Branchen.
Bau und Immobilien: Das Verhältnis kippt
Auffällig ist im Bau weniger die Fallzahl als die Struktur der Verfahren: Eröffnete und mangels Masse abgewiesene Fälle halten sich inzwischen in etwa die Waage. Noch deutlicher zeigt sich die Entwicklung im Grundstücks- und Wohnungswesen, der dem Bau am engsten verbundenen Branche. Dort gingen die Fallzahlen zwar um zehn Prozent zurück, gleichzeitig sanken die eröffneten Verfahren um 19 Prozent, während die nichteröffneten um 29,6 Prozent zulegten.
Auch bei den Großinsolvenzen dominiert die Immobilienwirtschaft: Von knapp 70 Verfahren mit Passiva über 10 Mio. Euro weist mit 29 Fällen fast die Hälfte einen Bezug zum Immobiliensektor auf. Die bislang größte Unternehmensinsolvenz des Jahres betrifft die Laura Privatstiftung (Signa/Benko) mit Passiva von rund 1,7 Mrd. Euro. Zuletzt war zudem ein Trend zu mittelständischen Unternehmen mit Passiva bis 50 Mio. Euro erkennbar.
5.139 Firmenpleiten in neun Monaten
Insgesamt meldeten in Österreich 5.139 Unternehmen Insolvenz an (+ 0,4 % gegenüber 2025) – im Schnitt 19 Betriebe pro Tag. Betroffen sind seit Jahresbeginn 15.700 Arbeitnehmer (+ 4,7 %) und 36.300 Gläubiger (+ 8,7 %). Die vorläufigen Passiva sanken um sieben Prozent auf rund 6 Mrd. Euro. Die meisten Fälle entfallen auf den Handel (861, – 3,5 %), an dritter Stelle folgt der Sektor Gastronomie/Beherbergung (+ 9,8 %).
„Wo Margen und finanzielle Reserven knapp sind, kann der anhaltende wirtschaftliche Druck schnell existenzbedrohend werden", erklärt Karl-Heinz Götze, Leiter KSV1870 Insolvenz. Schwache Konjunktur, verhaltene Nachfrage und hohe Kosten belasteten die Substanz vieler Betriebe, ein kräftiger Aufschwung sei nicht erkennbar.
43 Prozent der Verfahren werden nicht eröffnet
Bei 2.204 Fällen – rund 43 Prozent aller Verfahren – war eine geordnete Abwicklung mangels Kostendeckung nicht möglich. Im dritten Quartal sanken die eröffneten Insolvenzen um 7,2 Prozent, die abgewiesenen stiegen um 12,6 Prozent. Als Gründe nennt der KSV1870 das zu lange Zuwarten mit der Anmeldung sowie das im Jänner 2026 beschlossene Betrugsbekämpfungsgesetz: Vormals durchsetzbare Anfechtungsansprüche können nun vielfach nicht mehr geltend gemacht werden, Gläubigeranträge und Quoten gehen zurück. Folgeinsolvenzen seien zu befürchten.
„Dass es zwischen den eröffneten und abgewiesenen Fällen mittlerweile nur noch einen zahlenmäßig geringen Unterschied gibt, ist alarmierend", so Götze. „Das kann auch für wirtschaftlich gesunde Unternehmen mittel- und langfristig zum Problem werden."
Prognose und offene Baustelle IEF
Für das Gesamtjahr erwartet der KSV1870 rund 6.800 Unternehmensinsolvenzen – Vorjahresniveau und damit weiterhin historisch hoch. Götze fordert eine gesetzliche Grundlage für den Umgang mit mangels Masse abgewiesenen Fällen, „andernfalls wird sich der gesamtwirtschaftliche Schaden weiter erhöhen". Zur diskutierten Finanzierungslücke des Insolvenz-Entgelt-Fonds (IEF) hält der Gläubigerschutzverband fest: Eine automatische Anhebung der Dienstgeberbeiträge sei angesichts der wirtschaftlichen Lage keine Option.
Privatkonkurse: höchster Quartalswert seit 2018
Parallel stiegen die eröffneten Schuldenregulierungsverfahren um 10,7 Prozent auf 7.390 Fälle, die Passiva um 20 Prozent auf 1,1 Mrd. Euro. Mit 2.662 Verfahren verzeichnet das dritte Quartal 2026 den höchsten Wert seit dem zweiten Quartal 2018. Hauptursache ist das Auslaufen der dreijährigen Entschuldungsmöglichkeit Mitte Juli. Zum Jahresende rechnet der KSV1870 mit rund 9.300 Verfahren.
Quelle: KSV1870, Hochrechnung Stichtag 09.09.2026 (vorläufige Passiva)