Hannes Ch.Steinmann

Beton: SOS.Brutalismus

Mit der Ausstellung „SOS Brutalismus. Rettet die Betonmonster!“ macht das Architekturzentrum Wien auf die Sichtbeton-Bauten aufmerksam, die in den 50er-, 60er- und 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts auf allen Kontinenten entstanden sind.

Die überaus sehenswerte Schau im Architekturzentrum Wien (noch bis 6. August zu besichtigen) kommt aus dem Deutschen Architekturmuseum und wurde um einen Österreich-Teil mit dem Titel „Brutal schön!“ erweitert. Darin werden „10 Highlights aus Österreich“ dokumentiert, die wie die gesamt Schau Sichtbetonbauten zeigt, die zwischen 1953 und 1979 entstanden sind. Diese wurden zu ihrer Entstehungszeit und noch lange danach überwiegend gehasst und als Bausünden gebrandmarkt, viel seltener jedoch als Signal des Aufbruchs geliebt.

Das mag wohl mehr mit der Bezeichnung „Brutalismus“ zu tun haben als mit den Bauten selbst: Abgeleitet wurde der Name nämlich vom französischen „béton brut“, der Bezeichnung des rohen Betons. Mit dem aber hat sich die Bau- und Architektur spätestens seit Le Corbusier ab Mitte der 20er-Jahre auseinandergesetzt, dem Wegbereiter des modernen Betonbaus, denn La Tourette kann man durchaus als Vorläufer des Brutalismus sehen.

Internationale Verwendung fand der Name „Brutalismus“ ab 1966, als ihn der englische Architekturkritiker Reyner Banham in einem Buchtitel verwendete. Was eher nach einer Verlegenheitslösung aussieht, denn nach sprachlicher Auseinandersetzung. Denn die beim Sekt häufige Verwendung „brut“ bezeichnet den Geschmack als „herb“ oder „feinherb“ – was auch für viele der zur Diskussion stehenden Sichtbeton-Bauten sehr gut passte. „Brutal“ hingegen wird immer als Bedrohung empfunden und ist ausschließlich negativ besetzt. Was den Sichtbetonbauten des „Brutalismus“ keineswegs gerecht wird.

Die im AzW gezeigten zehn österreichischen „Highlights“ sind

  • Kongresszentrum Bad Gastein (Gerhard Garstenauer, 1974)
  • Kulturzentrum Mattersburg (Herwig Udo Graf, 1976)
  • Wotrubakirche, Wien (Fritz Mayr, 1976)
  • WIFI Internatsturm und Institutsgebäude, St. Pölten (Karl Schwanzer, 1972)
  • Oblatenkloster St. Paul, Wien (Johann Pleyer, 1972)
  • Kirche St. Pius X., Innsbruck (Josef Lackner, 1960)
  • Internat Marianhill, Landeck (Norbert Heltschl, 1967)
  • BG (BRG) Weiz (Viktor Hufnagl, 1968)
  • Osterkirche Oberwart (Günther Domenig/Eilfried Huth, 1969)

Dass manche dieser Bauten gar nicht mehr existieren, wie der WIFI-Internatsturm in St. Pölten, oder leer stehen, etwa das Kongresszentrum in Bad Gastein (seit 2007), bzw. vor der Demolierung stehen, wie das KuZ Mattersburg, lässt die Rettungs-Aufforderung nur allzu verständlich erscheinen. „Landesrat Doskozil hat das KuZ Mattersburg praktisch zum Abriss freigegeben, denn es bleiben nach einem denkmalschützerischen Schwachsinn gerade einmal drei Wände erhalten“, sagt Architekt Herwig Udo Graf im Gespräch mit a3 BAU, der das KuZ Mattersburg dazumal geplant hatte, neben einer Reihe weiterer Sichtbetonbauten. 

Kulturzentrum Mattersburg vor Demolierung

„In Sichtbeton zu bauen, war damals eine Bewegung, die aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz gekommen ist. Ich habe mir das auf Studienreisen angeschaut und dann so gebaut. Im Burgenland haben sich vor allem Architekt Szauer und ich mit dem Sichtbeton auseinandergesetzt“, erinnert sich Architekt Graf gerne. 

Ein Ortsaugenschein macht klar: Der seit 2014 leer stehende Bau, der nach der jüngsten Ankündigung von Landesrat Hans Peter Doskozil drastisch ausgehöhlt und faktisch geschleift werden soll, hat enorme Qualitäten. Von der später hinein gequetschten „Artbox“ im Wellblech-Look einmal abgesehen, präsentiert sich der hervorragend gemachte Sichtbeton überraschend frisch und die Sichtbeton-Fassadenplatten muss man ja nicht mögen. Immerhin gehören sie zum Ensemble und sind stummer Ausdruck des Zeitgeistes vor mehr als 40 Jahren. Hinfahren und anschauen, solange es noch geht.

Wotrubakirche wird ergänzt

Viel Erfreulicheres tut sich bei der Wotrubakirche in Wien-Mauer: Das nach Zeichnungen des Bildhauers Fritz Wotruba und Plänen von Architekt Fritz Mayer gebaute sakrale Monument (Kirche zur Heiligsten Dreifaltigkeit) wird gerade um einen zusätzlichen Saal ergänzt, mit einem Lift barrierefrei gemacht, bekommt eine Photovoltaikanlage, usw. 

Der Zubau wird größtenteils in den Hügel gesetzt, auf dem die Kirche steht, was nach den Plänen keinerlei Beeinträchtigung des bestehenden Baues mit sich bringen wird. Dass das Bundesdenkmalamt das Projekt verhindern wollte und es erst nach langem Kampf überhaupt erst möglich wurde, stellt der Bundesbehörde ein ganz schlechtes Zeugnis aus.

Das „Käseeck“ von Triest

Ein besonders gutes Beispiel für den Brutalismus ist vielen Österreichern wohl bekannt, vor allem den Triest-Reisenden: Die Wallfahrtskirche auf dem Monte Grisa, die vom Blick aus der Stadt auf den Karstrand hinauf meist Reaktionen auslöst, die von „grauslich“ bis „entsetzlich“ reichen. Was durchaus stimmen mag, aber unzutreffend ist: Die Kirche, von den Triestinern „formaggino“ (Käseeck) genannt und 1965 fertiggestellt, soll bewusst an die Gräuel des Zweiten Weltkrieges erinnern – und hat, wenn man sie besucht, sowohl innen als auch außen hervorragende Qualitäten. Hier trifft die Zuordnung „brutal“ tatsächlich zu – und ist gewollt.

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