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BIM-Koordination

Mit der Gründung einer eigenen Gesellschaft in Hannover expandiert die Innsbrucker Build Informed nicht nur geografisch, sondern deckt mit BIM-Tiefbauexperten als neue Geschäftsführer nun den gesamten Real Estate-Bereich in Sachen BIM ab. Im Online-Interview mit Sabine Müller-Hofstetter erzählen Oliver Langwich und Jakob Hirn, worauf es bei der Implementierung von BIM ankommt und wie sich das Schnittstellen-Thema bald auflösen könnte.

a3BAU: Seit fünf Jahren arbeiten Build Informed und der Autodesk-Reseller Contelos zusammen, um Kunden bei der Implementierung ihrer BIM-Prozesse zu unterstützen. Die lose Partnerschaft mündete nun in der Gründung der Build Informed Deutschland mit Sitz in Hannover. Herr Langwich, Sie waren über zehn Jahre im BIM-Consulting bei Contelos beschäftigt. Welche Erwartungen sind mit der Neugründung in Deutschland verknüpft?

Oliver Langwich: Wir möchten uns intensiver auf die unabhängige BIM-Beratung spezialisieren. Als Build Informed Deutschland können wir von der ungeheuren Praxiserfahrung im BIM-Management in Österreich profitieren wie auch auf die Dienstleistungen der Contelos in Deutschland zurückgreifen, beispielsweise im Bereich von Trainings in den Fachbereichen Maschinenbau oder GIS. Ich denke, es ist jetzt die richtige Zeit, hier in Deutschland eine Unit für BIM-Beratung aufzubauen.

Oliver Langwich
Oliver Langwich, GF Build Informed Deutschland

Was sagt der Österreicher – ist jetzt eine gute Zeit in Deutschland zu starten?

Jakob Hirn: Der Stand bei BIM richtet sich immer nach nationalen Legislativen. Insofern war es für uns ein logischer Schritt, dass wir die Besten aus Deutschland suchen und an Bord holen. Wir haben den deutschen Markt auch schon bisher betreut, aber mit einem eigenen Standort ist es natürlich noch mal eine andere Geschichte. Durch Oliver (Langwich, Anm. d. Red.) und Hendrik (Scherder, Anm. d. Red.) haben wir zwei Tiefbauexperten mit an Bord, während wir hier in Innsbruck die Hochbauexperten und Experten für Softwareentwicklung sitzen haben. Das heißt, jetzt schaffen wir es, den gesamten Real Estate-­Bereich abzudecken. Jetzt sind wir nicht mehr beschränkt auf Hoch- oder Tiefbau, sondern wir haben die holistische Sicht mit dem Ziel, das beste BIM-Team in Europa aufzustellen.

Jakob Hirn
Jakob Hirn, GF Build Informed Österreich

Wie ist die Stimmung in Deutschland hinsichtlich BIM-basierter Planung? In Österreich schwingt in den Diskussionen noch immer viel Skepsis mit …

Langwich: Auch in Deutschland ist es tatsächlich so, dass vor allem Ingenieurbüros in der Infrastruktur für das Thema BIM viel offener sind und sich stärker engagieren. Wobei man sagen muss, dass die Planer die Chancen schon erkannt haben, aber Skepsis ist da, vor allem hinsichtlich der Honorierung: Bekomme ich diese Leistung bezahlt oder nicht? Bei vielen stellt sich immer noch die Frage: Muss ich in 3D planen? Muss er nicht, aber vielleicht hat der Bauherr entsprechende Vorgaben, die nur mit einem 3D-Modell zu erfüllen sind. Vorreiter war bei uns die Deutsche Bahn, die bereits 2017 gesagt hat, wenn ein Planer demnächst für uns arbeiten möchte, dann hat der bitte ein natives Format abzugeben oder etwas Adäquates. Und ansonsten ist er halt raus. Den Richtlinien-Teil der Deutschen Bahn für die Modellierung von Bestandsgebäuden haben wir 2016 sogar selbst mitgeschrieben.

Wie haben die Planungsbüros reagiert?

Langwich: Einige Firmen, die ich kenne, haben gemeint, sie werden ihre Arbeitsweise nicht umstellen. Und ein anderer Kunde hat sich die Hände gerieben, weil er gesagt hat, gut, dann bekomme ich die Aufträge. Und so ist es zum Teil auch gekommen.

Das heißt, Druck kommt vor allem von öffentlichen Auftraggebern?

Langwich: Im Infrastrukturbereich gibt es vermehrt Ausschreibungen in BIM. In Lüneburg gab es zum Beispiel letztes Jahr eine Ausschreibung für die Schleuse Lüneburg, ein 300-Millionen-Euro-Projekt, das komplett nach BIM-Grundsätzen vergeben wurde. Aber auch Volkswagen hat schon vor zehn Jahren angefangen, solche Modelle einzufordern. Es geht in die Breite.

Aber wir reden noch nicht davon, dass BIM Standard ist … weder in Österreich noch in Deutschland?

Hirn: Nein, Standard kann man, glaube ich, nicht sagen. Es ist so, dass jene Unternehmensgruppen am weitesten sind, die ohnehin schon international eigene Standards setzen: So z. B. die Pharma- oder Automobilindustrie. Wir bekommen aber verstärkt Anfragen, wo Auftraggeber eine AIA (Auftraggeberinformationsanforderungen, Anm. d. Red.) einfordern und wir unsere Kunden dabei unterstützen.

Wo beginnt für Sie ein echtes BIM-Projekt? Welche Anforderungen müssen gegeben sein?

Langwich: Ich sehe es von der praktischen Seite. Wenn jemand kommt und sagt, er möchte effizienter planen, dann ist es vorrangig eine Frage des Werkzeuges, das BIM-fähig ist und Objekte und Attribute verwalten kann. Machen die dann schon BIM? Sie machen es vielleicht. Er nutzt ein Autorensystem, möchte nicht redundant planen und Informationen zu Bauteilen haben. Wenn ein Planungsbüro mit so einer Software arbeitet, dann ist es schon eine Art von BIM, jedenfalls für mich.

Hirn: Es gibt mittlerweile die internationale Norm, die ISO 19650, die ganz gut beschreibt, dass es bei der Digitalisierung in erster ­Linie um Informationsmanagement geht, das man für Gebäude und betriebliche Anlagen braucht, beginnend mit der Bedarfsermittlung über den Betrieb bis zum Abbruch. BIM ist ein Aspekt davon, ein Werkzeug, das man in den verschiedenen Lebenszyklusphasen nutzt. Aber BIM steuert nicht den Lebens­zyklus. Das ist ganz wichtig und wird oft, glaube ich, falsch verstanden. Die ISO 19650 beschreibt das Informationsmanagement über den Lebenszyklus und basiert auf anderen Standards wie der ISO für Asset- und Projektmanagement und der ISO 9001.

In Österreich höre ich oft, Closed BIM funktioniert gut, Open BIM noch nicht. Wie verhält es sich damit in Deutschland?

Langwich: Ich sehe das Thema gespalten. Für bestimmte Arbeitsbereiche funktioniert OpenBIM. Wir haben vielfach das Thema koordinierte Durchbruchsplanung mit IFC-Modellen, TGA und natives Format. Das funktioniert ganz gut. Hinsichtlich Facility Management hängt es stark davon ab, was ich mit den Betriebsmodellen nachher machen möchte.

Sie haben die IFC-Schnittstelle angesprochen. Die Initiative Building Smart setzt darauf. Wird das die Zukunft sein?

Hirn: Building Smart ist eine Lobby, die die IFC-Schnittstelle erfunden hat. Die wollen ein Klassensystem schaffen, was sehr gut ist. Was jetzt aber nicht unbedingt heißt, dass diese neuen Technologien, die sich jetzt rasend schnell entwickeln, nicht vielleicht das Schnittstellenthema IFC ein bisschen ad acta legen. Es gibt sehr viele Projekte, die in eine andere Richtung weisen, in Richtung web­basierte Technologien, wo die Authoring Software komplett wegfällt. Also, wenn man sich anschaut, wohin Autodesk mit „Quantum“ strebt, wo alle Schnittstellen zusammengezogen werden, oder Forge, eine cloudbasierte Autodesk-Plattform, auf der mit Hilfe von Webservice-APIs (Application Programming Interface, Anm. d. Red.) verschiedene Formate bearbeitet werden können, so leben wir in der Zeit des „Permanent Battle“. Das wird auch nie entschieden werden.

Apropos Standards: Bei den Recherchen ist mir aufgefallen, dass praktisch nur Revit in Ihren Projekten auftaucht. Wird sich diese Software-Umgebung durchsetzen?

Hirn: Revit ist aus unserer Sicht die brei­teste interdisziplinäre Basis. Aber wenn man ausschließlich Architekt ist, kann es durchaus bessere Optionen geben. Aber es macht eigentlich keinen Sinn, in 2020 darüber zu reden. Es kommt aus einer alten Vorstellung, wo Leute ein AutoCAD gekauft haben und über zehn Jahre damit gearbeitet haben. Wir haben heute eine rollierende Entwicklung, Software entwickelt sich täglich weiter. Autodesk hat 700 Entwickler, die an dem Forge-Thema arbeiten. Und man darf nicht vergessen, dass Google und Facebook anfangen, sich ihre Städte zu bauen und dafür eigene Software entwickeln, die das macht, basically BIM. Ich würde also nicht darauf setzen, dass es in zehn Jahren diese Frage überhaupt noch gibt – ArchiCAD oder Revit?

Gehen wir jetzt zum Geschäftsmodell von Build Informed. Wie schaut der typische Kunde aus, der zu Ihnen kommt? Wann kommt er zu Ihnen? Und was braucht er?

Langwich:
Auftraggeber, Planer, ausführende Unternehmen und auch die Bauprodukte­hersteller – Schüco ist zum Beispiel Kunde –, also die gesamte Bandbreite in der Baubranche braucht Unterstützung in Sachen BIM-Implementierung.

Hirn: Wir arbeiten jetzt gerade in Österreich für zwei große öffentliche Auftraggeber – einmal in der Infrastruktur und einmal im Hochbau. Begonnen haben wir in dem einen Fall rund zwei Jahre vor dem Projektstart, weil wir die komplette Bedarfsanalyse gemacht haben. Beim anderen starten wir nun ein halbes Jahr vor der Ausschreibung. Idealerweise kommen wir vor der Ausschreibung hinein.

Welche Leistungen bietet Build Informed an?

Hirn: Die erste Phase vom Informations­management her ist die Bedarfsermittlung. Da steigen wir ein. Wir helfen dem Bauherrn, seinen Bedarf zu ermitteln und dann eine AIA zu verfassen. Dabei wird in Zahlen gefasst, was der Auftraggeber für die Organisation, für das Asset Management, für den Vertrieb braucht. Und ob er eventuell spezielle Needs für Exchanging Information Requirements, für den Austausch im Projekt, hat. Die AIA ist ein Teil der Ausschreibung. Der Auftragnehmer – üblicherweise ein Generalplaner – erstellt darauf basierend einen vorläufigen BIM-Execu­tion-Plan. Dieses Angebot wird vom Bauherrn geprüft, geschaut, wer für die ausgeschriebenen Kapazitäten befähigt ist laut Angebotsspiegel. Wir stellen auch das Common Data Environment für den Auftraggeber. Damit ist die erste Phase abgeschlossen. Dann geht es mit dem Projekt los. Je nachdem, ob wir vom Auftraggeber oder vom Auftragnehmer beauftragt sind, unterstützen wir in der darauf folgenden Mobilisierungsphase den Auftragnehmer in der BIM-Koordination, wenn wir auf der Seite des Auftraggebers stehen, dann ist es das BIM-Management.

Was versteht man unter dieser Mobilisierungsphase?

Hirn: Der BIM-Execution-Plan beschreibt, wie das Projekt abläuft. In dieser ersten Mobilisierungsphase probiert man das aus. Man schaut, ob alle im gleichen Koordinatensystem arbeiten, ob alle reibungslos im Common Data Environment interagieren können, ob das Issue Management funktioniert, das Request Information System – also alles, was zum Informationsmanagement gehört. In der Planungsphase vertreten wir als BIM-­Manager die Auftraggeberinteressen, indem wir für den Bauherrn das Informations­management übernehmen. Arbeiten wir auf Auftragnehmerseite, machen wir die operative BIM-Gesamtkoordination, das heißt, wir führen alle Modelle zusammen, beschreiben den BIM-Execution-Plan, koordinieren sämtliche Fachgewerke in wöchentlichen Koordinationssitzungen während der heißen Phase der Planung. Danach geht es in die Ausführung, da unterstützen wir mit der Nachverfolgung von Tagesberichten, sämtlichen Dokumenten – also wieder Informationsmanagement. Ist das Gebäude fertig, unterstützen wir, indem wir beispielsweise Laser-Aufnahmen koordinieren, die einen Algorithmus füttern, der uns zeigt, ob alles so gebaut wurde, wie es geplant worden ist. Das ist das Qualitätsmanagement. Damit gibt es kein Problem mit Claims, denn wir haben jede Aktion von Anfang an aufgezeichnet. Wir brauchen nicht darüber streiten, wer was gesagt oder getan hat, denn wir wissen es.

Und wie sieht es im Betrieb aus?

Hirn: Im Betrieb unterstützen wir den Bauherrn, damit er die Informationen gut nutzen kann. Das heißt, wir helfen mit einer Informationsarchitektur, entwickeln Apps, bauen Web-Oberflächen, mit denen er arbeiten kann, wo man kein Revit, kein Authoring Tool mehr braucht. Das ist jetzt gerade einer der größten Changes, sage ich mal.

Wie erfolgt die Abrechnung der BIM-­Koordinationsleistungen?

Hirn: Wir arbeiten immer mit diesem MVP-Gedanken – Minimum Viable Product – das heißt, wir erzeugen jede Woche ein fertiges Ergebnis, so ist auch unser Angebot aufgebaut. Zum Beispiel kann man bei uns eine AIA kaufen. Aus Erfahrungswerten wissen wir, wie viele Stunden wir für eine AIA investieren müssen, bei einer Organisationsstruktur, die diese oder jene Größe hat.

Langwich: Unser Anspruch ist es, den Kunden individuell zu betreuen, zu eruieren, was er tatsächlich für sein Projekt oder für seine Implementierung braucht, also alles, was man benötigt, um starten zu können.

Wer ist beim Auftraggeber für eine BIM-Implementierung bzw. -Koordination Ansprechpartner für Sie?

Hirn: Das ist ganz unterschiedlich. Es kann wie bei großen Pharmakonzernen die Compliance sein, die für die Standard Operation Procedures verantwortlich ist. Es kann der Leiter der Bauabteilung sein, die sich recht viele Firmen mittlerweile aufgebaut haben.

Wie viel Ahnung muss der von BIM haben, um mit euch kommunizieren zu können?

Hirn: Gar keine, unser Job ist es ja, das den Leuten beizubringen. Wenn es größere Firmen sind, haben die meistens einen BIM Manager. Er oder sie soll nur wissen, was er eigentlich erreichen will, was sind seine wichtigen KPIs, seine Kennzahlen, und er muss von seinem Tun eine Ahnung haben, nicht von unserem. Wir verfügen über High Performance Teams, mit zehn Jahren BIM-Erfahrung.

Herr Langwich, Sie starten nun mit Juni. Wie ist die Entwicklung geplant in den nächsten fünf Jahren?

Langwich: Wir haben die ersten Monate schon eine recht gute Auslastung, sodass wir relativ zügig dazu kommen werden, uns von der Personenanzahl zu verdoppeln und zu verdreifachen. Geografisch wollen wir den Norden bis Frankfurt, Heidelberg, abdecken. Wir wollen die Themen, die Jakob auch gerade genannt hat, noch viel stärker in den Fokus nehmen – nicht nur im Infrastrukturbereich.

Die aktuelle Situation zwingt ja zu verstärkter digitaler Kollaboration in allen Gewerken, erwarten Sie sich dafür einen zusätzlichen Schub für BIM?

Langwich: Definitiv ja. Wir merken es jetzt schon, was die Nutzung von Team-Funktionen anbelangt über die Cloud, die Akzeptanz wird größer. Und bei mehreren Kunden – die ewigen Skeptiker, die immer gesagt haben, das funktioniert eh nicht – sieht man mit einem Mal, dass es funktioniert.

Hirn: Auch im Hinblick auf die Worte von Frau von der Leyen: Wenn dieser Pakt (Wiederaufbauplan durch Digitalisierung, Anm. d. Red.), wie er jetzt vorgeschlagen wurde, kommen würde, wäre es für uns natürlich sehr vorteilhaft, denn das Geld ist ja zweckgebunden an genau den Themen, an denen wir federführend arbeiten.

Build Informed: neu in Deutschland

Das junge Tiroler Unternehmen Build Informed mit Sitz in Innsbruck vergrößert sich. Mit seinem Know-how im Bereich Building Information Modeling expandiert das Unternehmen nach Deutschland. In Hannover wurde am 1. Juni die Build Informed Deutschland gegründet, mit einem weiteren Standort in Münster. Durch den Zusammenschluss der Build Informed GmbH, Oliver Langwich, Hendrik Scherder und der Contelos GmbH vereinen sich ein paar der klügsten BIM-Köpfe Europas und decken somit den gesamten Real-Estate-Bereich ab.

Jakob Hirn gründete 2015 die Build Informed GmbH in Österreich, davor war er BIM-Manager bei ATP architekten ingenieure.

Oliver Langwich ist CEO bei der Build Informed Deutschland GmbH, war davor über zehn Jahre Division Manager/BIM Consulting bei der Contelos GmbH.

Hendrik Scherder ist CEO bei der Build Informed Deutschland GmbH (Standort Münster), war davor zwei Jahre BIM Consultant bei der Contelos GmbH.

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