Wachstumsmarkt Indien: Warum Normen und Standards beim Export entscheiden
Die Verhandlungen zum Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien sind abgeschlossen – und die Erwartungen sind groß. Mehr als 96 Prozent der EU-Waren sollen künftig von indischen Zollsenkungen profitieren. Für österreichische Exporteure bedeutet das deutlich günstigere Bedingungen beim Marktzugang. Jorge Torres und Raffaele Quarto, beide Policy Coordinators bei DG TRADE der Europäischen Kommission, betonten beim Event, dass das Abkommen auch mehr Transparenz und Vorhersehbarkeit bei Konformitätsbewertungsverfahren bringen soll – ein zentrales Anliegen europäischer Unternehmen.
Regulatorische Stolpersteine frühzeitig erkennen
CE-Kennzeichnung allein reicht für den indischen Markt nicht aus. Produkte, die unter eine indische Quality Control Order fallen, müssen zusätzliche indische Zertifizierungs- und Konformitätsbewertungsverfahren durchlaufen. Kurze Umsetzungsfristen, komplexe Werksinspektionen und ein teils schwer überschaubares Normenumfeld können Exporte verzögern und Kosten treiben. Alok Kesari von der Federation of European Business in India (FEBI) empfahl Unternehmen, regulatorische Anforderungen und Investitionspotenzial von Beginn an gemeinsam zu betrachten.
Ein hilfreiches Werkzeug ist dabei „Know Your Standard" des Bureau of Indian Standards (BIS): Das Tool hilft, relevante indische Normen, ihre Übereinstimmung mit ISO/IEC-Standards und allfällige Quality-Control-Order-Anforderungen zu identifizieren.
Harmonisierte Normen als Brücke zwischen den Märkten
Dinesh Chand Sharma, Seconded European Standardization Expert in India (SESEI), verwies auf das wachsende Gewicht internationaler Normen in Indien: Bereits mehr als 40 Prozent des indischen Normenbestands sind identisch mit ISO- und IEC-Normen. In Bereichen wie Smart Infrastructure, Digital Product Passport und Maschinenbau können harmonisierte Standards technische Handelshemmnisse abbauen und Innovationen schneller zur Marktreife bringen.
Karl Grün, Deputy Managing Director bei Austrian Standards International, brachte es auf den Punkt: Standards seien keine Formalität am Ende des Exportprozesses, sondern müssten von Beginn an Teil der Markteintrittsstrategie sein – sie schaffen Vertrauen, Vergleichbarkeit und Planungssicherheit auf beiden Seiten.
Fazit: Standards als strategisches Exportinstrument
Der Eintritt in den indischen Markt erfordert Vorbereitung – regulatorisch, normativ und strategisch. Wer Normen frühzeitig in die Exportplanung integriert, reduziert Risiken, verkürzt Zulassungsprozesse und sichert sich Wettbewerbsvorteile in einem der dynamischsten Wachstumsmärkte der Welt. Das EU-Indien-Freihandelsabkommen bietet dafür eine historische Chance – die Unternehmen nutzen sollten, solange der Vorsprung noch zu holen ist.
Faktenbox
- Mit rund 1,45 Milliarden Einwohnern das bevölkerungsreichste Land der Welt
- Rund 17.100 Arbeitsplätze in Österreich hängen direkt oder indirekt mit den Exporten nach Indien zusammen
- Österreichische Exporte nach Indien belaufen sich jährlich auf mehr als 1,5 Milliarden Euro
- Standards sind beim Eintritt in den indischen Markt keine nachgelagerte Formalität, sondern ein strategischer Faktor
- Standards helfen Unternehmen, regulatorische Risiken zu reduzieren, Anforderungen besser einzuschätzen und den Marktzugang langfristig vorzubereiten