Lohnbremse und Sozialstaat
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Wettbewerbsfähigkeit zwischen Lohnbremse und Sozialstaat

Wie bleiben Österreich und Europa wettbewerbsfähig? Die wirtschaftsliberale Agenda Austria warnt vor einem überzogenen Lohnvorsprung. ÖGB Präsident Wolfgang Katzian sieht im Sozialstaat selbst den Schlüssel zur Stärke.

Die österreichischen Tariflöhne sind jenen der Eurozone in den vergangenen Jahren rasant davongezogen. Seit 2020 stiegen sie laut einer Auswertung der Agenda Austria um rund zehn Prozentpunkte stärker, allein 2023 lagen die heimischen Abschlüsse fast vier Prozentpunkte über dem Euroraum. Bemerkenswert ist die Prognose bis Ende 2026: Erstmals seit Jahren geht der Vorsprung wieder leicht zurück.

Eine Trendwende? Die Agenda Austria sieht darin allenfalls einen Anfang. Ihr Argument: Wer teurer wird, muss auch produktiver werden – sonst wächst die Wettbewerbslücke. Genau hier liegt aus Sicht des Thinktanks das Problem. Die Arbeitsproduktivität pro Stunde sei zum Erliegen gekommen, pro Erwerbstätigen steige sie seit zwei Jahrzehnten nicht mehr.

Agenda-Austria-Ökonom Jan Kluge formuliert es zugespitzt: „Wenn immer weniger Erwerbstätige immer weniger Stunden arbeiten und pro Stunde auch noch mehr verdienen wollen, obwohl sie gar nicht produktiver werden, dann wird der Letzte nur noch das Licht ausmachen können."

Agenda Austria Tariflöhne

Die Gegenposition: Soziale Stärke als Standortfaktor

Eine andere Lesart kommt von Wolfgang Katzian. Anlass ist die irische EU-Ratspräsidentschaft, die die wirtschaftliche und geopolitische Handlungsfähigkeit Europas zu einem Schwerpunkt gemacht hat. Entscheidend sei aber, so Katzian, dass Wettbewerbsfähigkeit und sozialer Fortschritt gemeinsam gedacht werden.

„Nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit entsteht nicht durch den Abbau von Schutzstandards, sondern durch qualifizierte Beschäftigte, starke Kollektivvertragssysteme, einen funktionierenden sozialen Dialog und hochwertige öffentliche Dienstleistungen", betont der ÖGB- und EGB-Präsident. Wettbewerbsfähigkeit und soziale Gerechtigkeit seien keine Gegensätze, sondern „zwei Seiten derselben Medaille".

Konkret erwartet Katzian im Herbst zwei sozialpolitische Initiativen auf EU-Ebene: ein Gesetz über hochwertige Arbeitsplätze, das vor allem die psychische Gesundheit der Beschäftigten stärken soll, sowie ein Paket für faire Arbeitskräftemobilität. Sein Appell: „Grenzüberschreitendes Lohn- und Sozialdumping muss endlich wirksam bekämpft werden. Faire Mobilität darf nicht länger zu unfairem Wettbewerb zulasten der Beschäftigten führen."

Was das für die Bauwirtschaft bedeutet

Auf der Baustelle treffen beide Positionen direkt aufeinander. Kaum eine Branche ist so lohnintensiv: Personalkosten entscheiden maßgeblich über die Wettbewerbsfähigkeit von Bauunternehmen, und der Kollektivvertrag bestimmt das Lohnniveau quer durch den Sektor. Die Frage, wie schnell die Löhne steigen dürfen, ohne die Auftragslage zu gefährden, wird hier jedes Jahr handfest verhandelt.

Zugleich ist der Bau wie keine zweite Branche von grenzüberschreitender Arbeit geprägt – und damit auch vom Thema Lohn- und Sozialdumping. Entsendungen und überlassene Arbeitskräfte gehören zum Alltag; das angekündigte EU-Paket für faire Arbeitskräftemobilität zielt mitten in diese Realität. Für heimische Betriebe geht es dabei um nichts weniger als gleiche Wettbewerbsbedingungen.

Und auch der Produktivitätsbefund der Agenda Austria hat einen Bau-Bezug: Steigende Arbeitsproduktivität gilt als zentrale Stellschraube, um höhere Löhne ohne Verlust an Wettbewerbsfähigkeit zu tragen – Stichworte Digitalisierung, industrielle Vorfertigung und effizientere Prozesse.