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Baulehrlinge werden ab dem 2. Lehrjahr mit Tablets ausgestattet

Fachkräftemangel: Es fehlt an allen Ecken und Enden | Teil 2

Do, 17.10.2019

Woher nehmen und nicht stehlen? - Stellt sich die Frage, woher die dringend benötigten Lehrlinge und Fachkräfte kommen sollen.

Der Pool, aus dem die Branchenbetriebe schöpfen, wird nicht größer. Klein- und Mittelunternehmen können oftmals keine kurzfristigen Aufträge mehr annehmen. EPU springen hier ein, berichtet Christina Enichlmair von der KMU Forschung Austria. „Ein-Personen- Unternehmen können flexibler agieren. Sie profitieren daher vom Fachkräftemangel und wollen wachsen.“ Womit der Kampf um den Mitarbeiter abermals größer wird.


Was suchen potenzielle Mitarbeiter? Zunächst natürlich wertschätzenden Umgang seitens der Vorgesetzten und eine Perspektive im Unternehmen. Viele Betriebe versuchen es darüber hinaus mit Goodies wie einer Beteiligung am Führerschein. Nicht zuletzt mit der besseren Entlohnung begründete Fronius den jüngst beschlossenen Umstieg vom Kollektivvertrag des Gewerbes in jenen der Elektro- und Elektronikindustrie. Dadurch ergeben sich nämlich deutlich arbeitnehmerfreundlichere Regelungen bei Löhnen, Kündigungsfristen, Karenzzeitenanrechnung, Überstundenzuschlägen und Jubiläumsgeldern.

Mitarbeiter an sich binden

„Neue Mitarbeiter zu finden ist nahezu unmöglich. Dem momentan üblichen Trend zu ,Kopfgeldprämien‘ wollen wir dennoch nicht folgen. Wir versuchen, unsere durchwegs tollen Mitarbeiter noch stärker an uns zu binden bzw. Zugehörigkeit zu schaffen“, berichtet Doris Kremsmair, Elektro Kremsmair in Kremsmünster. Im Vorjahr hat das Unternehmen eine Treueprämie eingeführt, abhängig vom unternehmerischen Erfolg und von der Dauer der Betriebszugehörigkeit. Die erste Stufe beginnt schon nach dem dritten Jahr. So haben die Lehrlinge einen Anreiz, ihr neu erworbenes Wissen weiter beim Unternehmen umzusetzen. Weitere Prämien gibt es ab fünf, zehn, 15 und 20 Jahren Betriebszugehörigkeit. 


„Wichtig war uns, nicht einfach Geld zu verteilen, sondern Erlebnisse zu ermöglichen, die man sich sonst vielleicht nicht gönnen würde. 
 Die Bandbreite reicht von Musical-Karten bis zum E-Bike, von der Ernährungsanalyse bis zur Unternehmensbeteiligung“, so Kremsmair: „Grundsätzlich ist es mittlerweile schwierig, Lehrlinge zu finden. Aber wer einmal bei uns angefangen hat, bleibt auch im Unternehmen. Und das, obwohl die Elektroarbeiten bei Wind und Wetter sicher nicht einfach sind. Dass sich die jungen Leute so wohlfühlen, liegt daran, dass unser 50-köpfiger Betrieb noch immer sehr familiär geführt wird. Dafür sind persönlicher Einsatz und zwischenmenschliches Gespür notwendig, aber man bekommt auch viel zurück. Ich empfinde die Firma als erweiterte Familie. Das mag komisch klingen, ist aber tatsächlich so.“

Attraktive neue Lehrberufe

Insgesamt elf neue Lehrlinge starten dieses Jahr bei Tomaselli Gabriel Bau ihre Karriere. Neben acht Maurern, davon einer in Kombination mit Tiefbau, auch eine Bürokauffrau und zwei bautechnische Assistenten. Insgesamt bildet das Walgauer Bauunternehmen 21 Lehrlinge in vier Berufen aus: 15 Maurer (darunter eine Maurerin), einen Tiefbauer, zwei bautechnische Assistenten, eine Bürokauffrau und zwei Lehrlinge absolvieren die Doppellehre Maurer/Tiefbauer. Mit Leonie Burtscher hat erneut eine bautechnische Assistentin die Lehre begonnen, ein Kollege folgt noch im Oktober. „Den Lehrberuf gibt es seit vergangenem Jahr. In der Ausbildung werden sowohl kaufmännische als auch technische Fähigkeiten vermittelt“, erklärt Geschäftsführerin Barbara Gabriel-Tomaselli: „Die Nachfrage ist groß und hier werden sicher noch weitere Lehrlinge folgen.“ 

Auf Berufsmessen werben

„Die Lage bei den Fachkräften ist in unserer Branche dramatisch. Noch schlimmer trifft’s vielleicht nur die Gastronomen“, berichtet Veronika Opbacher, Opbacher Installationen GmbH: „Früher hatten wir 60 Lehrlinge, heute sind’s gerade noch 30. Die ärgste Not lässt sich nur intern beheben. Wir bilden daher zurzeit fünf Helfer zu Fachkräften aus. Gleichzeitig wurden uns drei Mitarbeiter abgeworben – dabei ist die Bezahlung bei uns wirklich sehr gut.“


Als Unternehmer kommt man angesichts der angespannten Personalsituation auch von bestehenden Mitarbeitern unter Druck. Diese sehen die Chance, Gehaltserhöhungen einzufordern, so Opbacher: „Der Personalbedarf bleibt, die Auftragslage ist stabil. Zwar kühlt die Konjunktur in Deutschland, wo wir 40 Prozent unseres Umsatzes machen, langsam ab, aber bei unseren Projekten im Hotel- und Wohnbau-Bereich merken wir davon noch nichts.“
Seitens Wirtschafts- und Arbeiterkammer sowie der Politik gab es Bestrebungen, das Image der Lehre zu heben. Aber ob man nun Broschüren auflegt oder Radiospots ausstrahlt – das alles bringt wenig, solange die Eltern nicht mitziehen, weiß  Opbacher: „Mit Stellenanzeigen oder durch Social Media- Aktivitäten lassen sich kaum Mitarbeiter akquirieren. Am effektivsten sind die Berufsmessen. Dort erreicht man die Jugendlichen, weil sie diese Messen im Rahmen ihres Unterrichts besuchen.“

Lehrlingsinfotag für interessierte Jugendliche und Eltern

Anfang September starteten bei der i+R- Gruppe 40 „Neue“ ihre Lehrausbildung. Bereits diese Woche geht es für die neuen Lehrlinge gemeinsam mit den Ausbildern zu den Outdoor-Tagen. „Erstmals haben wir als Unternehmensgruppe mehr als 100 Jugendliche in einer Lehrausbildung“, freuen sich die Eigentümer der i+R-Gruppe, Joachim Alge und Reinhard Schertler. „Neben den traditionellen Lehrberufen bringt die Digitalisierung auch im Handwerk spannende neue Lehrberufe mit sich. Laufende Investitionen in neueste Technologien und modernste Maschinen und Anlagen schaffen die Basis für eine zukunftsorientierte Ausbildung.“
In den zur Unternehmensgruppe gehörenden Firmen i+R (49 Lehrlinge), Huppenkothen (47 Lehrlinge) und Martin (zehn Lehrlinge) werden derzeit in elf Berufen Lehrlinge ausgebildet: Hoch- und Tiefbauer, Zimmerer und Zimmereitechniker, Tischler und Tischlereitechniker, IT-Techniker, Baumaschinentechniker, Bürokaufmann-/frau, Lagerlogistiker, Modullehrberuf Metalltechniker in der Spezialisierung Maschinenbautechniker.
Interessierte Jugendliche und deren Eltern lädt die i+R-Gruppe zum jährlich stattfindenden Lehrlingsinfotag an die Standorte in Lauterach ein. Hier können verschiedene Lehrberufe in den einzelnen Werkstätten hautnah erlebt werden und die Ausbilder in den verschiedenen Lehrberufen stehen Rede und Antwort.

Gesellschaftliche Aufwertung des Lehrberufs notwendig

„Unser Unternehmen lebt seit Jahrzehnten von der großen Qualität der Mitarbeiter, die aus der eigenen Lehrwerkstätte kommen. Seit 1946 haben wir 1.400 Lehrlinge ausgebildet. Ich selber war einer davon“, erzählt Werner Steinecker von der Energie AG. In Kontakten mit befreundeten Unternehmern hat er immer wieder erlebt, wie wichtig Facharbeiter- und Lehrlingsausbildung sind. 

So entstand die Idee, alle guten Geister zu vereinen, um für eine gesellschaftliche Aufwertung des Lehrberufs zu sorgen. Schließlich mündete die Idee in der Gründung des Vereins zukunft.lehre. österreich. Steinecker: „Wir wollen die Lehre wieder zur attraktivsten Ausbildung in Österreich machen und ihr damit den Stellenwert zurückgeben, der ihr als Fundament unserer Wirtschaft und damit auch der Gesellschaft insgesamt gebührt.“

 

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