BIM: Ohne Strategie geht es nicht. Wer keine adäquaten BIM-Angebote hat, wird schlichtweg nicht mehr wahrgenommen

Ein zentrales Argument, sich als Hersteller in der Bau-/Bauzulieferindustrie mit der Erarbeitung einer BIM-Strategie zu befassen, ist die deutliche Veränderung und Chance, die sich daraus für den Zugang zum Markt und zum Objekt ergibt. Wer keine adäquaten BIM-Angebote hat, wird schlichtweg nicht mehr wahrgenommen

Beim etwas distanzierten Blick auf das typische Planungsverhalten und die Wertschöpfungskette-Bau fallen zwei Aspekte auf: Planungsprozesse erscheinen zum einen häufig stark fragmentiert und nur bedingt effizient. Gerade in Situationen von Versorgungsengpässen ist sowohl die gestalterische als auch die Ausführungsplanung von besonderer Bedeutung. Zudem steht die Baubranche und der Betrieb von Bauwerken für ca. 30% des CO2-Fußabdrucks und 90% des stofflichen Ressourceneinsatzes. Damit kommt dem Bausektor eine wesentliche Rolle im Kontext der notwendigen, nachhaltigen und zukünftig CO2-neutralen Ökonomie zu. Beide Aspekte hängen jedoch auch eng zusammen, denn: Durch eine Arbeitsweise, die bereits in der integrierten Planung konsequent Effizienz und Ressourcenschonung berücksichtigt, könnten beide Aspekte wirkungsvoll adressiert werden.

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Genau an dieser Stelle kommt die digitale integrale Planung als vielversprechender und zukunftsfähiger Lösungsansatz ins Spiel – nachfolgend vereinfachend und pauschal als BIM (Building Information Modelling) bezeichnet. Sie verändert nicht nur die Rollen aller am Bauprojekt beteiligten Spieler, sondern auch die erforderlichen Kompetenzen und Arbeitsweisen. Auch bei den Ausführenden ändert sich das Geschäftsmodell, denn: Im Kontext einer fundierten BIM-Planung ist es für das ausführende Unternehmen deutlich schwieriger, durch Nachtragsmanagement ihre Projekte nachvertraglich profitabel zu machen.

Der Einwand, dass der Anteil von BIM-Projekten derzeit noch gering sei, ist irreführend. Denn zum einen pflegen BIM-Anwender heute ihre Netzwerke dahingehend sehr effizient und weitgehend geschlossen, als dass BIM-nutzende Fachplaner, Ausführende und die jeweiligen Auftraggeber unter sich bleiben. Zum anderen planen führende Planungsbüros und Projektentwickler faktisch mehr als 90% ihrer Projekte bereits in BIM 5D, also inkl. Zeit- und Kostenplanung. Zudem ist BIM im Kontext öffentlicher Ausschreibungen zwischenzeitlich zwingend gefordert.

Strategische Handlungsimplikationen für Hersteller

Ein zentrales Argument, sich als Hersteller in der Bau-/Bauzulieferindustrie mit der Erarbeitung einer BIM-Strategie zu befassen, ist die deutliche Veränderung und Chance, die sich daraus für den Zugang zum Markt und zum Objekt ergibt. Wer keine adäquaten BIM-Angebote hat, wird schlichtweg nicht mehr wahrgenommen. Zum einen werden Fachplaner den bequemeren Weg gehen und Produkte im BIM-Modell verplanen und spezifizieren, die bequem und zuverlässig verfügbar sind. Zum anderen lassen sich Bauherren von den durch professionelle BIM-Planung reduzierten Zeit-, Kosten und Ausführungsrisiken bemerkenswert schnell überzeugen. Die Liste der Vorteile durch BIM lässt sich beliebig verlängern, doch es soll hier nicht um die Bedeutung von BIM an sich gehen, denn diese ist unstrittig, sondern um den offensiven und zukunftsfähigen Umgang von Herstellern und Handel mit diesem Aspekt der Wertschöpfungsrealität.

Bereits heute nutzen Bedarfsträger, Projektentwickler und Bauherren mit Bauproduktherstellern definierte Produkt-Bibliotheken, verhandeln die Konditionen direkt und hinterlegen diese in der digitalen Planungsumgebung. Aus dieser verbindlichen Vorauswahl grenzt der Fachplaner in einer sehr frühen Phase der Planung die zur Auswahl stehenden Produkte ein. Klar, dass die traditionellen Phasen der HOAI hier stark verwischen. Im weiteren Verlauf der Vermarktung hin zum Käufer werden auf exakt dieser Datengrundlage dann auch die Sonderwünsche ohne Datenbruch, digital und automatisiert mit Preis und Mengen für Hersteller, Handel und Ausführende gesteuert. Spätestens hier wird klar: Wer als Hersteller nicht mit dabei ist und mit den Bedarfsträgern gleich zu Beginn am Tisch sitzt, kommt in das Objekt nicht mehr rein.

Führende Hersteller befassen sich deshalb aktiv damit, ihre BIM-Strategie mit Leben und Praxisbezug zu füllen und mit ihrer Gesamtstrategie zu verknüpfen. Doch welche Aspekte sind dabei zu beachten?

Entwurf einer BIM-Strategie

Zu Beginn sollte die grundlegende Frage beantwortet werden, wie weit man in seiner neuen „Rolle“ gehen will. Hygienefaktor und absolutes Muss ist die Bereitstellung von BIM-Objekten auf der eigenen Homepage und einer der führenden Plattformen wie BIMobject. Darüber hinaus bietet sich die Option, mit einem neuen Geschäftsmodell eine Revolution zu wagen - oder zumindest ambitioniert in diese Richtung zu denken. Irgendwo zwischen diesen beiden Polen wird die leist- und verdaubare Antwort liegen. Häufig wird man sich für eine zügige Evolution hin zur zweiten oder dritten Stufe der nachfolgenden Darstellung entschließen.

Zur Erarbeitung einer BIM-Strategie, insbesondere aus Herstellersicht, sind folgende Leitfragen zu beantworten:

  1. Wie wird sich die Bau-/Bauzulieferbranche hinsichtlich Rollen der Beteiligten (insb. Fachplaner, Hersteller, Handel, Verarbeiter) im Kontext BIM verändern?
  2. Welche Rolle will und kann ich als Spieler zukünftig einnehmen?
  3. Welche Bedürfnisse der Fachplaner und Verarbeiter kann ich als Hersteller adressieren?
  4. Bzw. welche BIM-spezifische Angebote werden von mir heute erwartet und welche differenzieren mich mittelfristig?
  5. Wie sind diese BIM-Angebote (z.B. BIM-Beratung, Planung, field to BIM, BIM to field, BIM4FM, …) konkret auszugestalten und zu erbringen (insb. Ressourcen, Kompetenzen, Erlösmodell)?
  6. Wie ist die BIM-Strategie mit der Digitalisierungs- und der Unternehmensstrategie verknüpft?

Ein wesentlicher Punkt dabei ist die konkrete Ausgestaltung der vielfältigen Leistungen im BIM-Kontext. Hierbei kommt es darauf an, die tatsächlichen zukünftigen Bedürfnisse der Beteiligten zu antizipieren und ihnen Leistungen mit einem tatsächlichen Nutzen und Mehrwert zu bieten. Stockfehler, wie beispielsweise ein unpassendes LOD (level of detail) der BIM-Objekte, fehlender konkreter Nutzen oder

zu langwierige interne Prozesse sollten unbedingt vermieden werden, damit das Thema kein interner Rohrkrepierer wird.

Lohnender Aufwand

Aus Unternehmersicht mag es mitunter mühsam erscheinen, sich mit diesem Zukunftsthema strukturiert zu befassen. Doch spätestens, wenn die Erstellung von BIM-Modellen bereits am unsauber funktionierenden PIM-System (Produktinformationsmanagement-System) gebremst wird, zeigt sich, warum eine halbherzige strategische Entwicklungsarbeit in eine unternehmerische Sackgasse führt.

Die Digitalisierung in der Bauwirtschaft wird in ihrer ganzen Bedeutung erst in einigen Jahren voll sichtbar werden. Doch bereits heute entscheidet sich, wer auf diesem Weg zur „BIM-Elite“ gehören wird und sich von seinen Wettbewerbern positiv differenzieren kann. Und das betrifft sämtliche Player der Wertschöpfungskette: Ob Hersteller, Händler, Verarbeiter, Architekt, Fachplaner oder auch gewerblicher Auftraggeber - sämtliche Gruppen werden künftig ihre strategische Ausrichtung, die Konfiguration ihrer Geschäfts- und Erlösmodelle, ihre Strukturen und Kompetenzen sowie ihre marktseitigen Schnittstellen signifikant verändern.

Unternehmer, die sich jetzt konsequent mit diesem Thema und den Implikationen der Digitalisierung befassen, können einen Wettbewerbsvorteil erarbeiten, der - je nach Mut und Geschick - bis weit in die Zukunft einen wichtigen Beitrag zum Unternehmenserfolg leisten wird.

Porträt Florian KaiserAutor: Florian Kaiser, Partner, Leiter Geschäftsbereich Bau-/Bauzulieferindustrie bei Dr. Wieselhuber & Partner

Zum Thema „BIM: Strategische und operative Anwendung – FOKUS AUSTRIA“ bieten BIMobject und Dr. Wieselhuber & Partner in Kooperation mit der a3Bau ein Online Seminar am 20. Oktober um 16:00 Uhr an.

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